Blogger-Flashmob zur Veröffentlichung von "Düstere Schatten - Darian & Victoria #2" von Stefanie Hasse

Dienstag, 24. Dezember 2013 | 1 Kommentar

Zum Erscheinen von "Düstere Schatten", dem zweiten Band der Trilogie rund um Darian & Victoria gibt es etwas zu gewinnen.

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Entweder ein Buchpaket aus Band 1 und Band 2, beide signiert + Wunschbuch

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[Adventskalender] 24. Türchen

Dienstag, 24. Dezember 2013 | Kommentieren
Heute habe ich für euch den letzten Teil meines diesjährigen Adventskalenders. Es ist überraschend, wie schnell die Zeit mal wieder vergangen ist.
Ich hoffe, diese kleine Geschichte hat euch die Vorweihnachtszeit ein wenig versüßt. Vielleicht möchte der eine oder andere von euch ja seine Meinung dazu teilen?
Nun wünschte ich euch erholsame Feiertage und ein schönes Weihnachtsfest, das wohl leider in diesem Jahr nicht weiß werden wird. Macht es euch trotzdem schön und genießt die Tage!


Heute ist der vierundzwanzigste Dezember. Heute ist Heiligabend. Heute soll es das Fest der Liebe werden.
Heute verlasse ich ihn.
Wieder sind ein paar Tage ins Land gezogen. Vorgestern hat Mel mit ihren Eltern gesprochen – hat ihnen Rileys Situation erklärt und sie um Hilfe gebeten. Ihre Eltern waren zunächst ebenso ratlos wie wir, aber sie haben versprochen zu helfen. Es sind nette Leute. Keine von der Sorte, die der Meinung sind, das Leid der Welt gehe sie nichts an und sie bräuchten nur vor ihrer eigenen Tür zu kehren. Sie interessieren sich auch für das, was hinter ihrem Tellerrand liegt. Und mit Riley haben sie sich, als er Mel das erste Mal bei ihr besucht hat, sofort verstanden.
Dennoch war er überrascht, als Mel ihn gestern besucht und dazu eingeladen hat, mit ihrer Familie Weihnachten zu feiern. Erst wollte er nicht, aber sie hat nicht locker gelassen. Ich mag sie. Selbst einen Dickschädel wie Riley kann sie kleinkriegen.
Nun sitzen sie gemeinsam – Mels Familie, Mel und Riley – gemeinsam unter dem Weihnachtsbaum in dem kleinen, weißen Reihenhaus mit dem hübschen, verschneiten Vorgarten, den eine kunstvolle, doch zugefrorene Vogeltränke ziert. Ich stehe einige Zeit im Schnee und beobachte sie durch die Scheibe. Mels Eltern haben Riley versprochen, ihm nach Weihnachten zu helfen. Gestern Abend habe ich mitbekommen, wie sie über ein betreutes Wohnen für Jugendliche hier in der Stadt gesprochen haben. Ich bin mir sicher, dass es ihm in ihrer Obhut gut gehen wird.
Jetzt kann ich ihn ruhigen Gewissens allein lassen. Ich lächle und kehre dem kleinen Haus den Rücken zu. Auf der Fensterscheibe entsteht ein Strauß Eisblumen – ein letztes Geschenk zum leisen Abschied. Noch lange begleiten mich die hellen Weihnachtslichter in dieser Nacht auf meinem Weg.
Ich kehre zurück in den Park, dorthin, wo alles angefangen hat. Vor vielen Jahren. Dort, inmitten einiger Rosensträucher, die früher noch nicht dort waren, steht eine alte Eiche, die bereits in meiner Kindheit so mächtig war. An einigen Stellen sind runde Löcher in der dicken Rinde – letzte Erinnerungsstücke an den längst vergangenen Krieg, der die ganze Welt in Atem gehalten hat. Und es gibt noch eine weitere Erinnerung an diese Zeit: Dort, am Fuße der Eiche, ist ein „L“ in die Rinde geritzt worden. L wie Lily.
Es fühlt sich an, als käme ich nach Hause.
Ich lasse mich zu Boden sinken, streichle zärtlich über den einfachen, unscheinbaren Buchstaben. Mama hat ihn hier eingeritzt, nachdem sie mir ein Bett im Schnee bereitete. Ich erinnere mich noch genau an ihre bitteren Tränen, an ihr Lächeln voller Hoffnung, dass es mir an einem anderen Ort besser gehen würde. Ich bin mir nicht sicher, ob sie damit das winterliche Paradies meinte, in dem ich nun Jahr für Jahr erwache, um jemandem zu helfen wie sie mir half, aber besser geht es mir in jedem Fall. Die schmerzhafte Kälte, der bohrende Hunger und die ständige Angst vor den todbringenden Kugeln sind endgültig fort. Meine Mutter ebenso, doch der Winter ist mir geblieben. Mein persönliches Paradies.
Ich lehne mich gegen die Eiche, spüre, wie die Schneeflocken allmählich zu einem Teil von mir – wie ich ein Teil von ihnen werde. Der Wind treibt mich hinfort.
Im nächsten Jahr werde ich zurückkehren. Vielleicht werde ich Riley dann wiedersehen.

[Adventskalender] 23. Türchen

Montag, 23. Dezember 2013 | Kommentieren
Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue, was die Zeit einem bringen kann und wie schnell sie vergeht. Viele Menschen eilen über den Weihnachtsmarkt, der in diesem Jahr auf dem zweiten, kleineren Marktplatz in der Stadt aufgebaut ist. Sie hetzen von einem Stand zum nächsten, trinken Glühwein, essen Crêpes und Mandeln und kaufen Weihnachtsgeschenke, während die Kinder jeden Sitz auf dem bunten Karussell ausprobieren. 
Und zwischen all den Menschen, die diesen Stress als weihnachtliche Besinnlichkeit verstanden haben, stehen an diesem Tag zwei junge Menschen, die sich nun endlich der Wahrheit verschrieben haben.
Es ist nun eine Woche her, seit Mel und Riley in dem kleinen Café saßen und einen ersten vorsichtigen Kontakt gewagt haben. Seitdem haben sie sich mehrmals getroffen – in der Schule und noch öfter danach. Ich habe sie nicht immer begleitet. Manchmal hat es mir gereicht, in den späteren Abendstunden einen glücklich lächelnden Riley nach Hause kommen zu sehen. Wer nicht erkennt, dass ihm die Treffen mit Mel guttun, ist eindeutig blind.
Gestern hat sich dann alles verändert. Eigentlich wollten sie auf den Weihnachtsmarkt gehen, den letzten Schultag ausklingen lassen und die Weihnachtsferien gebührend begrüßen. Aber Riley durfte sich nicht weiterhin drücken. Weihnachten stand kurz vor der Tür. Weihnachten, das Fest der Familie. Für Riley würde es nicht einmal ein Fest werden. So durfte s nicht sein! 
Also hatte es am Nachmittag angefangen zu schneien – immer stärker, immer größere Flocken. Dazu wehte ein starker Wind, der selbst den Schnee, der bereits gefallen war, wieder aufwirbelte. Die beiden hatten daraufhin beschlossen, den Weihnachtsmarktbesuch auf den nächsten Tag zu bestehen und nachdem Riley vor zwei Tagen Mel daheim besucht hatte, bestand sie nun darauf, endlich einmal ihn in seiner Wohnung zu treffen. Anfangs hatte Riley sich gesträubt – wir beide wussten den Grund dafür – doch nachdem Mel immer wieder darauf beharrt hatte, musste er sich schließlich geschlagen geben. Er wollte ihre beginnende Freundschaft und das kleine zarte Pflänzchen zwischen ihnen nicht zerstören.
Er hatte sich geschämt, als Mel die Wohnung sah. Zum Aufräumen war keine Zeit geblieben. Er konnte ihr lediglich Wasser aus der Leitung anbieten. Sie hatte es genommen und sich an den Tisch in der Küche gesetzt. Jenen Tisch, auf dem noch immer der Zettel von seinem Vater lag. Den Zettel, den Mel genommen, gelesen und auf Anhieb verstanden hatte. Riley habe ich das letzte Mal so verzweifelt gesehen, als seine alte Clique ihn ausgelacht und stehen gelassen hat. In diesem Moment ist endgültig der letzte Rest seiner Maske gefallen.
Mel hat ihn einfach nur in den Arm genommen, ihn getröstet. Und dann haben sie geredet. Lange. Ab und zu sind Tränen geflossen. Bei ihr und ihm. Mel hat ihn nicht verurteilt, ihn nicht ausgelacht und nur ein wenig bemitleidet.
Sie wissen beide nicht, wie es weitergehen soll. Nur eines ist ihnen beiden klar: Riley will nicht ins Heim und gleichzeitig fehlt ihm das Geld, um weiterhin so weiterzuleben wie in den letzten paar Tagen. Schon im nächsten Monat wird er die Miete vermutlich nicht zahlen können.
Gemeinsam gehen sie über den Weihnachtsmarkt. Sie teilen sich eine Tüte gebrannte Mandeln und schließlich schleicht sich Mels Hand schüchtern in Rileys.
Zwei junge Menschen, nicht anders als all die anderen um sie herum und doch mit ihrer eigenen Geschichte besonders.
Ich spüre, dass es für mich allmählich Zeit wird zu gehen.

[DIY] Origami-Tannenbaum

Sonntag, 22. Dezember 2013 | 2 Kommentare

Wer die Facebook-Seite von "Pergamentfalter" verfolgt, wird diese Tannenbäume schon kennen. Auf Wunsch einer lieben Leserin habe ich heute das erste DIY dieses Blogs - die Anleitung für diese Bäumchen. Die DIY's werden auf jeden Fall mit in die Themen dieses Blogs aufgenommen, allerdings weiß ich noch nicht, wie oft ich welche poste :)

Was ihr für das Bäumchen braucht:
- ein quadratisches Blatt Papier in einer Farbe eurer Wahl
- eine Schere

[Adventskalender] 22. Türchen

Sonntag, 22. Dezember 2013 | Kommentieren
Mel hat ein Café direkt am Markt ausgesucht. Es ist klein mit mehreren lauschigen Sitzecken im hinteren Teil – kleine Tische mit Stühlen, die durch geschicktes Platzieren von großen Pflanzen und braunen Holztrennwänden von den anderen Plätzen getrennt wurden. Im vorderen Teil finden neben dem Tresen noch ein paar Tische Platz, die jedoch nicht voneinander getrennt sind.
Glücklicherweise ist es keines der Cafés, in denen Riley Schutz vor der Kälte gesucht hat. Die beiden Kellner werfen uns freundliche Blicke zu, einer grüßt, beide bleiben am Tresen stehen. Zielsicher führt Mel uns zu einer der kleinen Sitzecke. Sie und Riley lassen sich auf die Stühle sinken, ich bleibe neben einer Zimmerpalme stehen, die diesen Tisch vor seinem Nachbarn verbirgt. Einer der Kellner hat sich nun doch von dem Tresen gelöst und kommt zu den beiden. Mel bestellt einen Kaffee, Riley nach kurzem Zögern auch. Ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt Kaffee trinkt. Seinem Blick, als der Kellner schon nach kurzer Zeit die beiden heißen Tassen bringt und vor ihnen abstellt, nach zu urteilen, weiß er es auch nicht so genau. Vielleicht hat er sich einfach nicht getraut, etwas anderes zu bestellen, wenn er schon auf Kosten anderer etwas bestellen soll.
Es wird ruhig, zwischen ihnen nur der Geruch von frischem Kaffee. Mel beobachtet Riley, Riley beobachtet seine Tasse Kaffee. Mel wartet, Riley auch.
Schließlich ist es Mel, die als erste seufzt und sich zurücklehnt. „Wie kommt's, dass du neuerdings nicht mit mehr deinen Leuten abhängst?“
Riley blinzelt, starrt sie einen Moment an. „Die können mich mal.“
Mel nickt, auch wenn sie vermutlich nicht den Grund für seine Abneigung die Clique versteht. Oder hat sie doch mitbekommen, was zwischen ihnen lief? Wieder schweigen sie. Mel nippt an ihrem Kaffee, Rileys kühlt weiter unbeachtet ab.
„Warum wolltest du mich unbedingt treffen?“, will Riley von ihr wissen.
Sie zuckt mit den Schultern. „Ich wollte dich schon länger mal kennenlernen. Du bist fast der einzige aus unserem Jahrgang, den ich fast gar nicht kenne. 'fand ich irgendwie blöd. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass du in letzter Zeit ziemlich viel allein bist.“
„Kann dir doch egal sein.“ Die Tür des Cafés öffnet sich, eine junge Frau kommt herein. Eine Windböe fegt herein, auf direktem Weg zu Riley. Ein windiger Schlag auf den Hinterkopf, angereichert mit einigen vereisten Schneekristallen, die in dem warmen Café schnell schmelzen. Riley sollte sich eindeutig besser benehmen, jetzt wo sich die beiden endlich einmal getroffen haben.
„Es ist mir aber nicht egal“, kontert Mel. 'Du bist mir nicht egal', sagen ihre Augen, aber Riley interessiert sich zu sehr für seine Tasse, um das zu verstehen. Er nimmt vorsichtig einen Schluck Kaffee und verzieht das Gesicht. Mel lacht. „Warum bestellst du dir einen, wenn du keinen Kaffee trinkst?“
„Ich war der Meinung, der schmeckt besser“, erwidert er, wird von Mels Lachen angesteckt und grinst ein wenig unsicher.
Es scheint, als wäre das sprichwörtliche Eis damit gebrochen. Ein Lächeln verbindet Menschen eben doch eher als Worte.
Nach ersten Startschwierigkeiten plaudern sie über die Schule, Mel über ihre Freunde, Riley über seine ehemaligen Freunde, Mel über ihre Eltern und ihren kleinen, nervigen Bruder, Riley schweigt. 
„Ich hab deine Eltern noch nie bei den Schulveranstaltungen gesehen“, bemerkt sie.
„Die interessieren sich nicht dafür“, gibt er vor.
„Ich dachte immer, Eltern interessieren sich für ihre Kinder, egal, was sie machen“, meint Mel. Früher habe ich das auch geglaubt, denke ich. Stumm stimmt Riley uns beiden zu.

[Adventskalender] 21. Türchen

Samstag, 21. Dezember 2013 | Kommentieren
Am nächsten Tag schläft Riley länger als gewöhnlich, steht erst gegen halb elf auf. Das Frühstück fällt aus – vermutlich eher aus Geldnot als aus Mangel an Hunger, aber was soll ich dagegen schon machen? Es tut mir leid, dass er hungern muss, aber Geld herbeizaubern kann ich nicht. Vielleicht könnte ich mit etwas Mühe Scheine und Münzen aus Schnee und Eis basteln, aber ich bezweifle stark, dass ihm das helfen würde. Lange halten würden diese Provisorien jedenfalls nicht. Einen neuen Job habe ich für ihn auch nicht. Jedenfalls nichts, was für jemanden in seinem Alter geeignet ist. Vermutlich könnte er in irgendeiner abgelegenen Kneipe eine Anstellung bekommen, aber ich fürchte, dann würde er wieder endgültig in seinen alten Trott fallen – vielleicht sogar wieder Anschluss an seine alte Clique suchen – und das will ich auf keinen Fall.
Er verbringt den ganzen Vormittag in seinem Zimmer, hört Radio und zum Mittag holt er sich eine trockene Scheibe Brot. Sonst nichts. Sein Magenknurren hört dadurch zwar auf, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass das lange vorhält. Warum er heute nicht zur Suppenküche geht, weiß ich nicht. Vielleicht will er nicht zu sehr auffallen.
Gegen halb drei geht er aus dem Haus – schaut sich, bevor er die Treppe hinuntergeht, noch einmal vorsichtig um, als fürchte er, die drei Männer von gestern Abend würden sich hier irgendwo versteckt halten und nur darauf lauern, dass Riley unvorsichtig wird. Auf direktem Weg geht er zum Markt. Es schneit wieder ganz leicht. Wind weht heute nicht. Auf den Fensterbrettern haben sich stellenweise mehrere Zentimeter Schnee angesammelt, sodass fast schon kleine Mauern entstanden sind.
Mel wartet bereits an der Statue eines Soldaten, die in der Mitte des Marktes – und früher, vor der großen Süderweiterung, im Zentrum der Stadt – steht. Sie blickt sich nach Riley um, hat ihn bisher jedoch noch nicht entdeckt. Riley sie dagegen schon. Seine Schritte stocken, bis er gänzlich stehen bleibt. Zögert. Wartet. Worauf? Er scheint unsicher, fast schon ängstlich. Mel ist doch eigentlich nur wieder jemand aus seiner Schule. Er hat sie schon so oft gesehen. Warum zögert er jetzt? Flüchtet sogar?
Moment. Flüchtet?! Der Gedanke war schneller gedacht als begriffen. Tatsächlich ist Riley umgekehrt und läuft schnellen Schrittes wieder zurück. Ich renne ihm hinterher, stelle mich vor ihn. Er geht an mir vorbei, beachtet mich nicht.
„Riley!“ Er hört mich nicht. „Riley, bleib sofort stehen!“ Nichts.
Ich schnaube, spüre Wut in mir aufsteigen. Wie kann man nur so feige sein?! Es soll doch lediglich ein einfaches Treffen werden, nichts weiter! Der Schnee – eben noch sanft und in kleinen Mengen gefallen – wird plötzlich mehr. Tausende kleine Kristalle werden von einem heranrasenden Windstoß erfasst, der sich Riley in den Weg stellt. Stehen bleibt er trotzdem nicht. Es wird immer mehr Schnee. Bald schon bezweifle ich, dass er nichts mehr sehen kann, was ihn letztendlich wirklich zum Innehalten zu bewegen scheint. Seine Schultern sinken herab. Er seufzt.
Schließlich kehrt er wieder um und geht mit schleppenden Schritten zurück zum Markt – dieses Mal tatsächlich zu Mel, die ihn bereits lächelnd empfängt.
Die Schneeflocken gleiten sacht hinab zur Erde. Kaum ein Lüftchen weht.
Meine Ruhe ist mir wieder eigen.

Erstes (und bestes) Weihnachtsgeschenk!

Freitag, 20. Dezember 2013 | Kommentieren
Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich euch geschrieben, dass ich mich bei "Blogger schreiben Geschichte" mit zu den Gewinnern zählen kann. Glauben konnte ich da noch nicht, dass meine Geschichte wirklich gedruckt werden soll, war aber der festen Überzeugung, das würde sich ändern, sobald ich das Buch in Händen hallte.
Ja, war...
Zu meiner Überraschung - die Mitteilung von Blogg dein Buch hatte ich komplett überlesen - lag heute das Buch im Briefkasten. Als ich dann zum ersten Mal meine Geschichte in gedruckter Form sehen konnte, war ich erst mal überwältigt. Das ist ein so tolles Gefühl!
Aber glauben kann ich es trotzdem nicht. Vielleicht gibt sich das in den nächsten Tagen...


[Adventskalender] 20. Türchen

Freitag, 20. Dezember 2013 | Kommentieren
Riley hatte Erfolg – bei der Armenspeisung hat er einen warmen Teller Suppe und ein halbes Brötchen dazu bekommen. Es gefiel ihm zwar überhaupt nicht, zwischen all den Obdachlosen zu sitzen und zu essen, aber nachdem er satt war, hatte er wenigstens wieder etwas mehr Farbe im Gesicht.
Aus einem nahen Discounter hat er sich danach trotzdem noch ein abgepacktes Brot geholt. Nur von der Suppe kann schließlich keiner Leben.
Gemeinsam sind wir nun auf dem Heimweg. Die Schneewehen sind wieder fort – jetzt braucht sie immerhin keiner mehr. Wir schweigen, laufen nur nebeneinander her, jeder in seinen Gedanken gefangen. Was Riley denkt, kann ich nur erahnen. Vermutlich geht es um seine Zukunft, vielleicht auch um Mel und ihr Treffen am nächsten Tag. Seitdem ich davon weiß, bete ich, dass es erfolgreich verlaufen wird. Dass Riley sich ihr endlich öffnet und Hilfe zulässt. Es kann wohl kaum so schwer sein, einmal zuzulassen, dass einem geholfen wird. 
Kurz nachdem wir in seine Straße eingebogen sind, läuft er immer schneller. Erst denke ich, er wolle einfach nur schnell Heim – raus aus der Kälte – doch dann bemerke ich die drei jungen Männer hinter uns. Sie tragen schwarze Lederjacken, ebenso dunkle Hosen und Springerstiefel. Ihre Haare sind allesamt bis auf wenige Millimeter gekürzt. Die wollen garantiert nicht nur freundlich nach dem Weg fragen...
Während Riley beinahe rennt, werden auch die Drei hinter uns schneller. Ich fürchte, er kennt sie, sonst hätte er wohl kaum so schnell auf sie reagiert. Endlich an der Treppe vor seinem Haus angekommen, nimmt er mehrere Stufen mit einmal. Ich habe Mühe, ihm zu folgen, aber als er vor der Haustür steht und schon fast verzweifelt versucht, endlich den Schlüssel aus seiner Tasche zu bekommen, der sich dort irgendwo verheddert hat, hole ich ihn wieder ein. Im selben Moment schafft er es, den Schlüssel herauszustellen und schließt hastig auf. Einer der drei ruft etwas, aber wir verstehen es beide nicht. Als sie den Fuß der Treppe erreichen, schmeißt Riley hinter uns krachend die Tür ins Schloss. Ruhiger wird er trotzdem nicht. Schon ist er die erste Treppe hinauf und wieder muss ich ihm hinterher rennen, um ihn einzuholen. Dieses Mal schaffe ich es nicht. Die Wohnungstür ist bereits zu, als ich oben ankomme, aber glücklicherweise fällt es mir nicht schwer, dennoch hineinzukommen. Riley scheint sich daran nicht zu stören. Er steht bereits hinter der gelblich verfärbten Gardine im Wohnzimmer und späht hinaus auf die Straße. Er hat Angst, das sehe ich in seinen Augen. Den Grund weiß ich nicht, dafür kenne ich ihn noch nicht lange genug. Die drei jungen Männer – vielleicht sind es auch noch Jugendliche, ihr Aussehen könnte sie auch fälschlicherweise älter erscheinen lassen – lungern unten vor dem Haus herum. Riley wirkt erleichtert, dass sie nicht versuchen, hineinzukommen. Ich bin es auch.
Er lässt sich auf das kleine Sofa sinken und kommt langsam wieder zur Ruhe. Jetzt sehe ich auch, dass er müde ist. Ich vermute, es ist nicht nur körperliche Erschöpfung – seine ganze Situation wird einen beträchtlichen Teil zu seiner Müdigkeit beigetragen haben.
„Erzähl' Mel morgen, was los ist. Vielleicht kann sie dir helfen.“ Er reagiert nicht. Warum sollte er auch? In letzter Zeit reagiert er nie. „Stell dich nicht so an, Riley.“ Er steht auf und geht nach nebenan in sein Zimmer.
Ich seufze. So kann man ein Gespräch auch beenden...

[Adventskalender] 19. Türchen

Donnerstag, 19. Dezember 2013 | Kommentieren
Am nächsten Tag begleite ich Riley wieder zur Schule. Seine Augen sind rot gerändert, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Im Unterricht passt er nicht auf, dabei ist seine erste Stunde Geschichte und das schien ihn zu interessieren. Kurz bevor es zur Pause klingelt, kommt der Direktor in den Klassenraum, verkündet, dass er Riley in der Pause in seinem Büro erwartet, und geht wieder. Nicht wenige seiner Klassenkameraden werfen ihm verstohlene Blicke zu – manche mitleidig, der größere Teil belustigt. Sein Lehrer scheint einen Augenblick aus der Bahn geworfen, findet aber schließlich seinen Faden wieder und bringt den Unterricht wie geplant zu Ende.
Auch wenn Riley sich nach dem Pausenklingeln vermutlich beeilen sollte – er tut es nicht. Während die anderen einpacken, starrt er abwechselnd auf die Tafel und aus dem Fenster. Während die anderen den Raum verlassen, packt er langsam seine Sachen zusammen. Als der Lehrer schon verschwunden ist, steht er auf und geht langsamen Schrittes in Richtung Direktorenbüro. Man sieht es ihm nicht an – seine Maske sitzt wieder perfekt – doch ich kann mir denken, dass ihm nicht wohl zumute ist. 
Vor der Tür des Büros zögert er einen Augenblick, ehe er anklopft. Seine Hand zittert ganz leicht. Der Direktor scheint bereits auf ihn gewartet zu haben, denn es vergeht kaum eine Sekunde, bis Riley hereingebeten wird. Er muss sich auf einen schmalen Holzstuhl vor dem riesig wirkenden Schreibtisch setzen. Im Vergleich zu dem weichen Sessel des Direktors erscheint dieser Platz wie blanker Hohn.
Das Gespräch verläuft, wie ich es mir denken konnte. Dem Direktor ist aufgefallen, dass Riley des Öfteren schwänzt, was selbstverständlich überhaupt nicht in seinem Sinne ist. Er hält ihm eine Standpauke und wiederholt mehrfach, dass es für Riley wichtig ist, regelmäßig zur Schule zu gehen und dass es verboten ist, zu schwänzen. Von einem Brief an seinen Vater sieht er ab, weil – wie er sagt – Weihnachten so kurz vor der Tür steht und Riley bisher nicht negativ aufgefallen ist. Da kann er mal drüber weg sehen, sofern sich Rileys Verhalten in Zukunft bessert. Natürlich verspricht Riley ihm das. Ich bin mindestens genau so erleichtert wie Riley, dass der Direktor seinen verschwunden Vater nicht sprechen will. Es gibt schon genügend Probleme, für die im Moment die Lösung fehlt.
Der Rest des Schultages verläuft ruhig. Nach sechs Stunden verkündet die Schulglocke das Unterrichtsende für diesen Tag. Glücklicherweise ist heute so ein Tag, an dem Mel und Riley zeitgleich Schulschluss haben, was bedeutet, dass sie in etwa den gleichen Heimweg haben. Normalerweise nimmt Mel sonst eine Abkürzung durch diverse kleine Nebenstraßen, doch heute hat der Wind den Schnee dort so hoch aufgetürmt, dass es kaum ein Durchkommen gibt. Ich lächle. Alles funktioniert, wie ich das geplant habe. Ich hatte schon befürchtet, die Schneewehen seien zu niedrig.
So sind die beiden gezwungen, einen ganzen Teil ihres Weges gemeinsam zu gehen und nachdem sie sich eine Weile in Schweigen gehüllt haben, schließt Mel zu Riley auf und versucht mit ihm zu reden. Es ähnelt einem Gespräch mit einer Wand. Sie fragt ihn nach dem Treffen mit dem Direktor, nach seinem Tag, wie es ihm ansonsten so geht, was er macht, ob er nicht Lust hat, am nächsten Tag mit ihr in ein Café zu gehen.
Als sie das sagt, bleibt Riley verdutzt stehen und schaut sie an.
Sie grinst. „Ich mein's ernst. Hast du Lust?“
Riley schüttelt den Kopf und geht weiter. „Ich kann nicht.“ 'Ich kann es nicht bezahlen' würde es wohl noch eher auf den Punkt bringen.
„Auch nicht, wenn ich dich einlade?“ Ich mag Mel. Immer mehr.
„Warum solltest du das machen?“
„Ich möchte dich kennenlernen. Einfach so. Ohne Hintergedanken. Lass uns morgen irgendwo hingehen, ich lad dich ein und danach kannst du dich immer noch entscheiden, ob du mich weiterhin ignorieren willst oder nicht.“
Sie haben die Kreuzung erreicht, an der sich ihre Wege endgültig trennen. Es sind zwei Hauptstraßen. Eine blockierende Schneewehe wäre hier nicht möglich gewesen.
Riley zuckt mit den Schultern. „Meinetwegen.“
„Okay, dann morgen Nachmittag um drei am Markt?“
Riley nickt und Mel winkt ihm zum Abschied, während sie geht. Normalerweise müsste er jetzt geradeaus gehen, aber er biegt nach links ab – geht in die entgegengesetzte Richtung wie Mel. Irgendwo in dieser Gegend auf einem Hinterhof gibt es eine Armenspeisung. Ich denke, er will versuchen,dort etwas zu essen zu bekommen. Die zwanzig Euro müssen schließlich noch lange reichen...

[Adventskalender] 18. Türchen

Mittwoch, 18. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich bin noch einige Zeit bei Riley geblieben, auch wenn er mir keine Beachtung geschenkt hat. Nachdem er das kleine Käsebrot gegessen hat, hat er noch eine Weile Musik gehört, bis er schließlich das Radio ausgeschaltet hat und eingeschlafen ist. Ich habe sein Zimmer trotzdem nicht verlassen. Er erschien mir so verletzlich, so hilflos. In seinem Bett wirkte er verloren, obwohl es eigentlich seiner Größe entspricht. Selbst im Tiefschlaf hat er sich immer wieder hin und her gewälzt. Hat einfach keine Ruhe gefunden. Es hat ihm nicht einmal geholfen, als ich mich zu ihm gesetzt und ihm sanft über die Haare gestrichen habe.
Gegen Mitternacht bin ich gegangen und nun stehe ich – wie so viele Male zuvor – wieder im nächtlichen Park. Es stürmt und aus den sanft fallenden Flocken sind feste Eiskristalle geworden, vor denen sich die meisten zu schützen versuchen. Ich nicht. Mir machen sie es nichts aus.
Der Sturm scheint meinen inneren Zustand widerzuspiegeln. Vermutlich tut er das auch.
Ich hatte gehofft, es würde mir leichter fallen, Riley zu helfen, wenn ich erst begreife, was in letzter Zeit mit ihm los ist, aber dem ist nicht so. Überhaupt nicht. Es haben sich nur noch mehr Probleme ergeben, mit denen ich kaum zurechtkomme. Dem Brief seines Vaters nach hat der nicht allzu bald vor, wieder zurückzukommen. Demnach ist Riley allein, obwohl er noch minderjährig ist und eigentlich nicht allein leben dürfte. Abgesehen davon stellt sich mir immer und immer wieder die Frage, wie Riley so zurecht kommen soll. Er hat, abgesehen von dem bisschen, was sein Vater ihm gelassen hat, kein Geld. Wie soll er die Miete bezahlen? Sein Essen? Strom und Wasser? Heizung? Die zwanzig Euro, die ihm geblieben sind, werden nicht einmal einen halben Monat reichen, selbst wenn er sparsam lebt. Dass er kein weiteres Geld besitzt, hat er bewiesen, als er durch die Cafés getigert ist...
Ich seufze, sehe hinauf zu den Sternen. Allmählich bezweifle ich, dass Mel ihm wirklich helfen kann. Wie soll sie sein Geldproblem lösen? Seinen Vater kann sie nicht zurückholen. Sie kann ihm höchstens helfen, zu sich selbst zu finden, aber sind andere Probleme nicht viel dringender geworden?
Und abgesehen davon: Wie soll ich sie überhaupt davon überzeugen, mir zu helfen? Auf dem Weg in den Park war ich noch einmal kurz bei ihr. Habe versucht, ihre Mithilfe zu sichern. Erfolglos. Sie hat überhaupt nicht reagiert. Als wäre Riley ihr egal. Hat er sie mit seinem Verhalten so sehr verletzt? 
Um ehrlich zu sein, kann ich mir das nicht vorstellen, denn sie schien eher traurig, als wirklich getroffen von seinen Beleidigungen. Ich schätze, sie ahnt, dass bei ihm irgendetwas überhaupt nicht stimmt. Nur das gesamte Ausmaß seiner Schwierigkeiten kennt sie nicht.
Ich fahre mit den Fingerspitzen über einige schneebedeckte Büsche. Beobachte, wie der Schnee aufwirbelt und rasch zu einer Kaskade spitzer Kristalle wird, die durch die Luft fegen. Ich folge ihnen mit den Augen. Ganz langsam verziehen sich meine Lippen zu einem Lächeln. Ich denke, ich weiß, wie ich zumindest das kleinste Problem lösen kann. Wie ich Mel überzeugen kann, Riley zu helfen, sich selbst wiederzufinden. Mit Reden allein bin ich nicht vorwärts gekommen, aber wie heißt ein gern genutztes Sprichwort? 
„Lass Worten Taten folgen.“

[Adventskalender] 17. Türchen

Dienstag, 17. Dezember 2013 | Kommentieren
Mel bleibt noch einige Minute auf der Treppe sitzen. Vielleicht hofft sie, dass Riley wiederkommt, aber er bleibt im Haus. Sie wirkt traurig. Anscheinend hat sie sich mehr von dem Treffen erwartet. Ich auch. 
Als sie aufsteht und sich auf den Heimweg macht, entschließe ich mich, nach oben zu Riley zu gehen. Weder die Haustür noch die Wohnungstür sind abgeschlossen, aber selbst wenn, das hätte mich nicht behindert. Leise öffne und schließe ich die Tür. Kurz überlege ich, ob es nicht bessere wäre, anzuklopfen oder zu klingeln oder mich irgendwie anders bemerkbar zu machen, damit er sich nicht erschreckt, aber schließlich entscheide ich mich doch dagegen. Ich möchte nicht, dass er wieder die Maske aufsetzt. Möchte ihn sehen, wie er wirklich ist. Möchte wissen, wie es ihm tatsächlich geht. Eventuell kann ich dann herausfinden, was mit ihm los ist.
In der Wohnung ist noch immer die gleiche schlechte Luft wie beim letzten Mal. Ich höre es in der Küche klappern. Sicher sein Vater. In Rileys Zimmer läuft leise das Radio. Die Tür ist einen Spalt offen und ich schlüpfe hinein. Eigentlich hatte ich gehofft, es sei wärmer hier, aber es ist ebenso kalt wie in der ganzen Wohnung. Nicht nur kalt, weil keine Heizung läuft, sondern auch emotional. Hier stehen keine Fotos, keine Poster, nichts Persönliches. Hier könnte jeder wohnen. Nichts weist auf Riley oder seinen Vater hin.
Ich sehe mich weiter in seinem Zimmer um, doch er ist nicht hier, also verlasse ich es wieder und gehe langsamen Schrittes durch die Wohnung.
Aus dem Bad höre ich keine Geräusche. Kein Fernseher läuft im Wohnzimmer. Nur das beständige Klappern in der Küche. 
Noch während ich hineingehe, frage ich mich, wo Riley hingegangen sein kann, denn die Überzeugung, dass sein Vater dort ist, verlässt mich nicht. Aber Riley steht vollkommen allein in der Küche – durchsucht die Schränke, das Gefrierfach, den Backofen. Ich beobachte ihn eine ganze Weile, ehe ich feststelle, dass er wohl nach etwas zu essen sucht. Die Tüten und Packungen, die er findet, sind nahezu komplett leer. Sie landen nacheinander auf dem Fußboden. In den unteren Küchenschränken stehen einige Sixpack Bier und mehrere Flaschen Hochprozentiges. Nichts Essbares. Im Kühlschrank findet er schließlich doch noch hinter vergammelter Wurst und einem schimmligen Apfel zwei Scheiben harten Käse, der wenigstens halbwegs essbar aussieht. In einer Dose auf der Arbeitsplatte liegt noch eine Scheibe Brot. Die verschimmelte Stelle auf einer Seite schneidet er ab. Ich bin mir nicht sicher, ob das Brot dadurch wieder essbar wird, aber Riley scheint es zu genügen. Auch wenn es bei weitem nicht satt machen kann.
Er nimmt sich das Käsebrot mit in sein Zimmer. Ich sehe mich noch einen Moment in der Küche um. Vielleicht kann ich doch noch irgendwo etwas zu essen für Riley finden. 
Ich habe ebenso viel Erfolg wie Riley. Das einzige, was ich finde, ist ein Zettel, der mich allmählich verstehen lässt, warum es Riley so schlecht geht. Er ist von seinem Vater, geschrieben in krakeliger Schrift.
„zihe zu einen freund. du komst schon alein zu recht. in schrank im schlafzimmer liegen noch zwanzich euro. reicht eine weile.“
Ich fürchte, sein Vater hat keine Ahnung, was man heutzutage zum Leben braucht.

[Adventskalender] 16. Türchen

Montag, 16. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich hatte recht mit meiner Ahnung: Riley hat sich verändert und das auf keinen Fall zum Positiven.
Heute ist der dritte Tag, an dem mich mein Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmt, begleitet. Er trinkt immer häufiger – nicht mehr nur abends und nicht mehr nur noch auf der Treppe. Und es wird immer mehr. Erst nur ein oder zwei Flaschen Bier, dann Wodka und anderes Höherprozentiges, aber davon maximal eine halbe Flasche. Ohnehin schon zu viel für so einen jungen Kerl. Zuletzt hat er im Laufe eines Nachmittags und Abends eine ganze Flasche Wodka geleert – die Pappe Orangensaft, von der er ab und zu etwas Saft mit Wodka gemischt hat, war am Ende trotzdem noch fast voll. Ich hatte gehofft, dieses Verhalten wäre nur eine Phase, die sich wieder gibt, aber mittlerweile habe ich die Befürchtung, dass sich Riley direkt in eine Sucht manövriert. Und ich weiß nicht, wie ich ihn davon abhalten soll. Ich habe bereits versucht, mit ihm zu reden, habe ihm erklärt, was für schreckliche Folgen ein hoher Alkoholkonsum haben kann, aber es schien ihn nicht zu interessieren. Er war ebenso unbeteiligt wie sonst auch. Als wäre ihm alles egal.
Bis vor kurzem hatte ich auch gedacht, sein Verhältnis zur Schule habe sich gebessert, schließlich hat er sich wieder am Unterricht beteiligt und sogar Hausaufgaben gemacht. Aber vorgestern ist er nach der Hälfte seiner Stunden grundlos gegangen, ohne sich abzumelden, und gestern und heute hat er den Unterricht komplett geschwänzt. Ich habe noch versucht, auf ihn einzureden, aber ebenso gut hätte ich mich vor eine Wand stellen können. Der Effekt wäre der gleiche gewesen.
Also habe ich beschlossen, mein Glück weiterhin bei Mel zu versuchen. Ernsthaft vorangekommen bin ich bei ihr auch noch nicht. Sie weiß inzwischen über Riley Bescheid – ich hoffe zumindest, dass sie mir richtig zugehört hat – und sie dürfte auch wissen, dass er ihre Hilfe braucht. Ich habe ihr gesagt, dass es reichen würde, wenn sie versucht, mit ihm zu reden. Vielleicht sogar eine Freundschaft aufzubauen. Mehr bräuchte es vermutlich nicht. Wenn er erst jemanden hat, dem er etwas bedeutet, wird es ihm sicher bald besser gehen. Hoffe ich. Obwohl ich noch immer nicht verstehe, was seinen Sinneswandel in den letzten Tagen bewirkt hat.
Ich warte auf dem Schulhof auf sie, stehe neben einer Bank und beobachte, wie sich zwei Spatzen um einen Sonnenblumenkern zanken. Der eine ist rundlich, der andere dürr. Ich strecke die Finger meiner rechten Hand. Wind, durchzogen von kleinen Schneekristallen, wirbelt auf und schubst den dicken Spatz fort. Der kleine Dünne schnappt sich das Körnchen und fliegt davon. Ich lächle. Der andere schimpft und hüpft weiter über den Schnee – auf der Suche nach weiteren Körnern, doch von dem, was irgendwer dorthin gestreut hat, sind ansonsten nur noch Schalen übrig.
Es klingelt zum Unterrichtsende und ich brauche nicht lange warten, bis Mel herauskommt. Sie verabschiedet sich von ihren Freundinnen und geht Richtung Straße – kommt direkt auf mich zu. Sie schaut kurz zu mir, ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie mich wirklich sieht, und geht an mir vorbei. Ich folge ihr, versuche sie erneut davon zu überzeugen, endlich mit Riley zu reden. Nach einigen Momenten holt sie Kopfhörer aus ihrer Jackentasche und stöpselt sie sich in die Ohren. Ich glaube zwar nicht, dass sie mich noch hört, aber ich rede trotzdem weiter auf sie ein.
Es scheint tatsächlich zu helfen, denn wenig später stehen wie in Sichtweite zu Rileys Haus. Mel wirkt ebenso überrascht wie ich.
Riley sitzt wieder auf der Treppe und ehrlich gesagt möchte ich gar nicht wissen, was in der Flasche ist, die neben ihm steht.
Ich drehe mich zu Mel, möchte ihr sagen, dass sie doch endlich mit Riley reden soll, doch da ist sie schon losgegangen, direkt auf ihn zu. Er bemerkt sie erst, als sie sich neben ihn setzt, ihm die Flasche wegnimmt und, ohne mit der Wimper zu zucken, neben die Treppe zu den anderen Flaschen wirft. Sie fällt auf eine zweite und beide zerspringen klirrend. Der Inhalt sickert unwiederbringlich in den Schnee.
Einen Augenblick starrt er sie fassungslos an, ehe er seine Stimme wiederfindet: „Sag mal, hast du sie noch alle?!“
„Riley“, beginnt sie, doch er lässt sie nicht zu Wort kommen.
„Verpiss' dich!“
Sie lässt sich nicht davon irritieren, aber ich kann sehen, wie sehr sie Rileys Verhalten trifft. „Und dich hier ganz allein lassen?“
„Das kann dich einen Scheißdreck kümmern! Verschwinde!“
Sie bleibt sitzen. Schließlich ist es Riley, der aufsteht und ins Haus geht. Ich seufze. Irgendwie hatte ich mir das doch einfacher vorgestellt...

[Rezension] Rachel Ward: Drowning - Tödliches Element

Sonntag, 15. Dezember 2013 | Kommentieren
Dieses Exemplar habe ich durch die Buchbotschafter von hierschreibenwir.de vom Carlsen-Verlag bekommen. Vielen Dank dafür!


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Rezensionsexemplar
Rachel Ward: Drowning - Tödliches Element

336 Seiten | Taschenbuch | Carlsen | Deutsch

Original: The Drowning
Übersetzer: Uwe-Michael Gutzschhahn
Reihe: Einzelband

Erschienen: 22. November 2013

ISBN: 978-3551520524
Preis: 14,99 € 

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[Adventskalender] 15. Türchen

Sonntag, 15. Dezember 2013 | Kommentieren
Irgendetwas stimmt mit Riley nicht. Ich meine nicht, dass er sich plötzlich für die Schule interessiert. Dass er seine sogenannten Freunde verloren hat. Dass er mit einem Mal ein Einzelgänger an seiner Schule ist. Dass er zwar seltener auf der Treppe vorm Haus sitzt, aber dafür, wenn er dort ist, richtige Spirituosen und nicht mehr nur Bier trinkt. Dass er seinen Job verloren hat.
Das ist es nicht.
Ich wünschte, ich könnte sagen, was mit ihm los ist, was ihm fehlt. Krank ist er nicht mehr. Es geht ihm besser. Das Fieber ist weg, die Übelkeit und der gelegentliche Husten auch.
Ich vermag nicht zu sagen, was mit ihm nicht stimmt. Ich weiß lediglich, dass es so ist. Dass irgendetwas anders ist.
Vielleicht ist es der Ausdruck in seinen Augen, der seit Neustem getrübt erscheint. Vielleicht sind es seine Bewegungen, die zeitweise schleppend, langsam, schwerfällig erscheinen. Vielleicht hat die Normalität, mit der er auf der Treppe sitzt und trinkt, etwas damit zu tun. Vielleicht liegt es an seiner Maske. Genauer gesagt, an der teilweise fehlenden Maske, die nun wieder perfekt sitzt. Er hat sie repariert, aber ich bin mir nicht sicher, zu welchem Preis.
Es gibt vieles, was sich verändert hat, aber ich bin unschlüssig, was mir das Gefühl gibt, Riley habe sich verändert. Und vor allem, was die Ursache dafür ist. Normalerweise würde ich sagen, dass es an der ganzen veränderten Situation liegt, in der er nun steckt, aber erst zwei oder drei Tage, nachdem er seine Clique und seinen Job verloren hat, war er irgendwie anders drauf. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es daran lag. Es war einfach zu viel Zeit zwischen den Ereignissen. Es muss noch einen anderen Grund geben, da bin ich mir sicher.
Oder ich bilde es mir ein und alles ist in Ordnung und Rileys neues Auftreten ist nur eine Nebenerscheinung seiner wiederhergestellten Maske.
Möglich wäre es, aber dann müsste ich ernsthaft darüber nachdenken, diese Maske zu hassen, zumal ich das Gefühl habe, Riley wolle immer mehr verbergen, wer er wirklich ist. Sein wahres Selbst verschwindet immer mehr hinter der Figur „Riley“, die er geschaffen hat.
Es ist Dienstag. Hofpause in der Schule. Riley steht wieder allein in der Nähe des Eingangs, Mel und ihre Freundinnen unterhalten sich nur wenige Meter neben ihm. Er scheint sie dennoch nicht zu beachten. Gestern Abend habe ich erstmals versucht, Mels Aufmerksamkeit zu erregen. Ich habe mit ihr geredet, habe versucht, ihr möglichst knapp zu erklären, wer Riley eigentlich ist und dass es ihm helfen würde zu wissen, wie sehr sie ihn mag. Ich fürchte, mit dieser Äußerung war ich etwas zu forsch. Während sie anfangs noch zuzuhören schien, hat sie sich schließlich abgewendet und gar nicht mehr reagiert, egal, was ich gesagt habe.
Für heute habe ich beschlossen, sie ein Stück auf dem Heimweg zu begleiten. Was ich sagen soll, weiß ich noch nicht, aber vermutlich werde ich das ebenso spontan entscheiden wie vieles, was ich in letzter Zeit getan habe. Meiner Meinung nach ist das der beste Weg, denn die passendsten Ideen entstehen sowieso oftmals aus der Situation heraus.

[Adventskalender] 14. Türchen

Samstag, 14. Dezember 2013 | Kommentieren
In den folgenden zwei Tagen folge ich Riley überall hin, in der Hoffnung, jemanden zu finden, der ihm helfen kann. Die Tage unterscheiden sich kaum von den vorangegangenen. Ich habe das Gefühl, Riley bemüht sich wieder mehr in der Schule. Er zeigt Interesse am Unterricht, macht sogar Hausaufgaben. Von seiner alten Clique wird er dafür zwar verachtet, aber er gibt sich große Mühe, alles so aussehen zu lassen, als wäre es ihm egal. Ist es ihm nicht, aber der Schein zählt. Ein Teil seiner Maske – der verzweifelte Versuch, sie irgendwie wieder vollständig zu schließen. Ob es ihm gelingt, weiß ich nicht. Manchmal wünsche ich es ihm, manchmal bete ich, es würde ihm nicht gelingen. Das eine würde seine Seele vor noch größeren Schmerzen schützen, das andere könnte ihn vielleicht retten. Ich kann unmöglich sagen, ob seine Maske Fluch oder Segen ist. Vermutlich beides zugleich.
Ich beobachte ihn auf dem Weg zur Schule, während des Unterrichts, in den Pausen, nach der Schule, auf dem Heimweg, Zuhause, auf der Treppe, beim Schlafen. Es vergeht kaum ein Moment, in dem ich ihn aus den Augen lasse. Einerseits möchte ich nicht, dass ihm im Augenblick einer Unachtsamkeit etwas geschieht, andererseits hoffe ich, jemanden zu finden, der mir hilft, meinen Plan in die Tat umzusetzen.
Und ich kann nicht behaupten, niemanden zu sehen.
Dort ist die Oma aus Rileys Nachbarschaft, die ihm auffällig oft mitleidige Blicke zuwirft. Ich denke, sie weiß in etwa, was mit ihm los ist. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wie Riley auf sie reagieren würde. Was mit seiner Mutter geschehen ist, habe ich immer noch nicht herausfinden können. Ich will keine alten Wunden aufreißen, wenn jemand in sein Leben tritt, der ihn entfernt an seine Mutter erinnert, die nicht für ihn da ist.
Dort ist der Geschichtslehrer, bei dem Riley manchmal Vertretungsstunden hat. Er versucht oft, ihn für seine Geschichts-AG zu begeistern. Riley ist wirklich gut in Geschichte, das habe ich in den letzten beiden Stunden gemerkt. Ich glaube auch, dass er tief in sich drin Interesse daran hätte, sich aber nicht traut, zuzusagen. Warum weiß ich nicht. Auch dieser Lehrer kommt nicht in Frage. Für einen Freund ist er wohl zu alt, auch wenn Freundschaft kein Alter kennt, doch er ist ungefähr so alt wie Rileys Vater, hat die gleiche Haarfarbe und ebenfalls einen kurzen Kinnbart. Wie soll ihm jemand helfen, der ihn so sehr an seinen Vater erinnert, der sich nicht um ihn sorgt?
Und dort ist dieses Mädchen, Mel. Eigentlich heißt sie Melanie, aber sie mag es nicht, so genannt zu werden. Sie ist in Rileys Jahrgang, sie haben sogar manche Unterrichtsstunden gemeinsam, aber er scheint sie noch nicht bemerkt zu haben. Sie ihn dagegen schon. Anfangs habe ich noch geglaubt, ihre Blicke wären zufällig, doch so häufig, wie sie zu ihm sah, konnte das kein Zufall mehr sein. Während einer Gruppenarbeit in Philosophie hat sie Riley gebeten, mit in ihre Arbeitsgruppe zu kommen. Er wollte erst nicht, aber nachdem die anderen Gruppen voll waren und der Lehrer ihm verboten hat, allein zu arbeiten, musste er mit zu ihr gehen. Anfangs hat er gar nichts gesagt, erst nach einer Weile hat er sich an der Lösung der Aufgaben beteiligt. Seinen Blicken nach zu urteilen war er überrascht von dem, was Mel alles über Sokrates, Platon und Co. weiß. Ich denke, es hat ihm gefallen. Er hat ihr gefallen, das habe ich ihr angesehen.
Nach der Stunde wollte sie noch mit ihm reden, aber er ist regelrecht aus dem Klassenraum geflüchtet. Wenig später stand er draußen auf dem Schulhof und hat sich die Haare gerauft, den Kopf geschüttelt. Er hat sich geärgert. Eindeutig.
In diesem Moment bin ich mir absolut sicher: Mel ist die Richtige. Ich kann nur hoffen, dass sie nicht so ignorant ist wie Riley. Dass sie mir hilft.
Dass sie ihm hilft.

[Adventskalender] 13. Türchen

Freitag, 13. Dezember 2013 | Kommentieren
Nachdem Riley im Schulhaus verschwunden ist, gehe ich wieder in den Park. Ich brauche Zeit. Zum Nachdenken. Zum Pläne schmieden. Zum ruhiger werden. Auf keinen Fall darf ich mich länger von der wachsenden Verzweiflung ablenken lassen. Meine Gedanken müssen sich wieder klären.
Die Sonne hat es endlich einmal geschafft, sich durch die dicke Wolkendecke zu kämpfen. Ich weiß nicht, wann sie zuletzt geschienen hat. Wann ich das letzte Mal das Winterparadies bei Tageslicht bewundern konnte – ich habe keine Ahnung, aber ich bezweifle, dass es diesen Winter schon einmal vorkam. Der Schnee strahlt weiß, vollkommen rein, und Millionen von winzigen Eiskristallen auf den Bäumen glitzern in allen Farben des Regenbogens. Meisen und Spatzen hüpfen über den Schnee, auf einem Ast zwitschert eine Amsel. Es weht ein leiser Wind, nur ein Hauch, der sich anfühlt wie der zarte Kuss der Winterkönigin.
Ich setze mich auf eine der Bänke, von der gerade der Schnee weht und genieße einige Momente den Frieden an diesem Ort. Ich hätte schon wesentlich eher darauf kommen sollen, diesen Ort aufzusuchen. Bisher hat er mir immer geholfen. Hier beginnt alles, hier endet alles. Hier fand ich stets Ruhe, Frieden, Ideen. Warum sollte es dieses Mal anders sein?
Ich beobachte eine Mutter, die einen Kinderwagen durch den Park schiebt, eine Gruppe Jungen, die sich auf dem Weg zur Turnhalle mit Schneebällen bewerfen, einen Mann mit Aktentasche, der in den Park eilt und scheinbar schneller laufen will, doch er wird immer langsamer, je weiter er in den Park kommt, sieht sich immer öfter um, beginnt zu lächeln. Ich wünschte, bei Riley wäre es ähnlich einfach, doch seine Probleme sind tiefgreifender. Ein schöner Wintertag kann ihm nicht helfen, sonst wäre ich wohl kaum bei ihm gelandet. Riley braucht mich wirklich, braucht meine Hilfe, meinen Beistand. Doch wie ich ihm all das geben kann, während er mich ignoriert, ist mir ein Rätsel.
Wenn er mir zuhören würde, sich helfen lassen würde, wäre es so viel einfacher, doch es scheint mir, als würde er kaum eines meiner Worte überhaupt bemerken. Als wäre ich Luft für ihn. Nach unserem letzten gemeinsamen Besuch im Park kann ich es ihm nicht übel nehmen – vielleicht ist er mir doch böse – aber er hat sich schon vorher so verhalten, also kann es nicht ausschließlich daran liegen.
Ich beobachte weiter die Passanten – eine kleine Gruppe Jugendlicher geht lachend an mir vorbei. Ich folge ihnen mit den Augen, spüre, wie allmählich eine Idee in mir reift. Es müsste jemanden geben, dem er zuhört. Der nicht nur Luft für ihn ist. Ein wirklicher Freund oder eine gute Freundin, doch bisher hat Riley etwas dergleichen nicht. Noch nicht. Ich lächle. Da scheint er zu sein, der Plan, nach dem ich gesucht habe. Ich muss unbedingt jemanden finden, dem Riley zuhört. Und mir, denn ich bezweifle, dass derjenige es aus eigener Kraft schafft, hinter Rileys Maske zu blicken.
Am Abend gehe ich wieder zu meinem Schützling. Er sitzt wieder auf der Treppe – noch deprimierter, als ich ihn schon kenne. Der erste Tag vollkommen allein in der Schule, ohne seine vermeintlichen Freunde, muss schwer für ihn gewesen sein. Zu meinem Bedauern hat er wieder eine Flasche in der Hand, aus der er häufiger als sonst trinkt. Allerdings ist das nicht der Hauptgrund für das bedrückende Gefühl, dass mich bei seinem Anblick beschleicht. Es ist nicht seine traurige Ausstrahlung, seine dünne Kleidung, seine Einsamkeit oder das Trinken. Es ist das, was er trinkt. Nicht Bier wie in den letzten Tagen. Mittlerweile muss ich sagen: Leider nicht. Es ist etwas Hochprozentiges. Das Etikett kann ich nicht lesen, aber als ich näher herantrete, erinnert mich der Geruch an Wodka.
Mit aller Kraft muss ich mich an das Hochgefühl klammern, das ich durch meinen Plan hatte. Es ist schwer. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir gelingt.

[Adventskalender] 12. Türchen

Donnerstag, 12. Dezember 2013 | Kommentieren
Erst drei Tage später wage ich mich wieder in Rileys Nähe. Zuvor habe ich ihn ab und zu aus der Ferne beobachtet, doch nie lange genug, damit er mich bemerken konnte.
Es ist Montag. Riley geht es wieder besser. Noch am Freitag war er in der Apotheke und hat sich etwas gegen Übelkeit und gegen Fieber geben lassen. Ich glaube, es hat ihm geholfen, zumindest was das Physische angeht. Der Rest dagegen sieht zunehmend schlechter aus. Das Wochenende war ruhig für ihn. Er saß nicht auf der Treppe, hat kein Bier getrunken. Eigentlich ein Lichtblick... Er hat sich die ganze Zeit in seinem Zimmer versteckt, lag in seinem Bett, hat so getan, als würde er schlafen, doch ich habe ihn weinen gehört. Sein Vater nicht. Ihn schien nicht zu interessieren, wie es seinem Sohn geht. Er hat nichts bemerkt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er Rileys Verschwinden bemerkt hätte, wenn er tatsächlich im Park, im Schnee liegen geblieben wäre.
Freitagabend wollte er wieder arbeiten gehen. Wieder mitten in der Nacht. Was genau geschehen ist, weiß ich nicht, doch er war kaum eine halbe Stunde in dem Club, bevor er wieder herauskam – mit hängenden Schultern, niedergeschlagen. Verzweifelt. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass er gefeuert wurde. Den Grund kenne ich nicht.
Nun sehe ich immer deutlicher, wie seine Maske bröckelt. Ich bezweifle, dass er sie noch lange aufrecht erhalten kann. Dafür fehlt ihm allmählich die Kraft.
Ich folge Riley auf seinem Weg zur Schule – erst in großem Abstand, der immer kleiner wird, bis ich nur noch einen Schritt hinter ihm bin. Es scheint ihn nicht zu stören. Unsicher bin ich trotzdem. Ich mache mir noch immer Vorwürfe. Erklären kann ich mir nicht, wie es so weit kommen konnte, doch allein die Tatsache, dass es beinahe geschehen ist, ist schlimm genug. Egal, ob es Gründe gibt oder nicht.
Heute ist Riley früher als sonst in der Schule. Er ignoriert seine ehemalige Clique, die wieder abseits der vielen anderen steht, und geht hinüber zum Haupteingang. Die Jungen und Mädchen, die sie einmal seine Freunde schimpften, werfen ihm hämische Blicke nach, grinsen schadenfroh, einer ruft ihm Beleidigungen hinterher. Sagt, Riley sei feige, dumm, schwach, ein Streber, langweilig. Ich bezweifle, dass er seine Anschuldigungen begründen könnte und bete, dass Riley die Worte nicht ernst nimmt. Mittlerweile möchte ich behaupten, ihn einigermaßen zu kennen, und er ist viel stärker als viele, die sich auf diesem Hof befinden. Seine alte Clique eingeschlossen.
Vor der Treppe zum Eingang bleibt Riley stehen, wartet auf das Klingelzeichen, starrt stumm auf den grauen Boden. Auch wenn viele andere Schüler dort stehen, ist er allein. Genau wie die meisten anderen, die hier auf den Unterrichtsbeginn warten. Es ist ein Ort, an dem sich die Einzelgänger sammeln, um gemeinsam allein zu sein.
Während Riley dort wartet, bin ich am Rande des Schulhofs zurückgeblieben. Es tut mir weh, ihn so zu sehen. Ich beobachte ihn, beobachte all die anderen, blicke zur Schule, hinüber zum Kindergarten und auf die Straße. Suche nach einer Idee, wie ich ihm helfen kann, doch entweder sind die Hinweise zu gut versteckt oder es gibt einfach keine. Ich weiß es nicht. Doch ich spüre, wie Rileys Verzweiflung nach und nach auf mich übergreift.

[Adventskalender] 11. Türchen

Mittwoch, 11. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich atme ruhig, nehme die kühle Luft in mich auf, lasse sie durch meinen Körper fließen, atme aus. Es ist ruhig. Der Wind rauscht über uns in den Bäumen, entfernt zwitschern ein paar Meisen, doch ihr Ruf wird allmählich leiser. Sie begeben sich zur Nachtruhe. Es ist jetzt sicher schon dunkel und die Sterne stehen am Himmel. Ich will meine Augen nicht öffnen, um nachzusehen. Will nur weiter diese Atmosphäre genießen.
Meine linke Hand liegt auf Rileys. Ich fühle einen ganz leichten Puls unter seiner kühlen Haut, die noch so glatt wie die eines Kindes ist. Irgendwo ist er auch noch ein Kind. Ein Kind, das in den Körper eines Heranwachsenden, fast schon eines Erwachsenen gezwungen wurde. Als wäre das sein einziges Problem... Wenn er wenigstens den Rückhalt seines Vaters hätte oder Freunde, die ihn unterstützen... Nichts davon hat er. Er ist allein. Muss sich hinter einer Maske verstecken, weil er sich nicht traut, sein wahres Ich zu zeigen. Ein Ich, das ich selbst noch nicht kennenlernen durfte. Vielleicht werde ich es sehen. Bald. Sehr bald.
Ich erinnere mich an Mama, die mir zeigte, wie wundervoll der Winter sein kann. Ohne sie hätte ich all das nie bemerkt. Wäre so blind und taub geblieben, wie es die meisten heute noch immer sind. Mama ist mittlerweile fort. Wie so viele andere.
Mit einem Ruck setze ich mich auf. Meine Hand rutscht von Rileys. Sie sind gegangen. Wie Riley gehen wird. Was danach kommt, weiß ich nicht. Kann nicht einmal sagen, ob es ihm dort, wo er hingehen wird, besser gehen wird. Wie kann ich ihn an einen Ort schicken, den ich selbst nicht kenne? Das ist keine Hilfe, das ist Mord!
Auf Knien rutsche ich an Riley heran. Er liegt ganz ruhig dort, im Schnee. Zittert nicht einmal mehr. Man könnte fast meinen, meine Einsicht käme zu spät, würde sich sein Brustkorb nicht immer wieder langsam heben und senken. Er atmet. Noch.
„Riley? Riley! Komm schon, wach auf!“ Ich rüttelte an seiner Schulter, doch er bewegt sich keinen Millimeter. „Riley, du darfst nicht hier schlafen! Steh endlich auf! Riley, bitte, es tut mir leid. Jetzt mach endlich die Augen auf!“
Er reagiert nicht. Ich bewerfe ihn mit Schnee, hoffe, eine ähnliche Wirkung damit zu erzielen wie ein Eimer kaltes Wasser, doch sein Körper ist ausgekühlt, er bemerkt es nicht. Wieder rüttele ich ihn, versuche ihn wach zu bekommen – der Wind frischt auf, fegt in kräftigen Böen über ihn hinweg, weht Schnee über ihn.
Zunehmend verzweifelt versuche ich alles, was mir einfällt, um ihn wach zu bekommen. Ich kann ihn nicht forttragen, so gern ich möchte. Es geht nicht. Warum kann es nicht gehen? Was hab ich nur getan?!
Sein Gesicht ist nahezu vollständig von Schnee bedeckt, als er zu husten beginnt und sich aufsetzt. Ich lasse mich erleichtert nach hinten in den Schnee fallen. Beobachte ihn. Er zittert wieder und steht auf wackligen Beinen auf. Einige Augenblicke starrt er entgeistert auf jene Stelle, an der er gelegen hat, ehe er zunächst rückwärts stolpert, sich dann umdreht und sich rasch entfernt.
Ich lasse ihn allein ziehen. Kann nicht begreifen, was ich beinahe getan hätte. Wie konnte es so weit kommen? Wie konnte ich glauben, Riley so zu helfen? Ich verstehe es nicht. Bin mir nicht sicher, ob es dafür überhaupt eine verständliche Erklärung gibt.
Der Wind hat nachgelassen. Es schneit nicht mehr. Mein Winterparadies ist wieder verschwunden. Eine kleine Strafe im Vergleich zu dem, was ich im Begriff war zu tun.

[Adventskalender] 10. Türchen

Dienstag, 10. Dezember 2013 | Kommentieren
Riley irrt den ganzen Tag durch die Stadt. In den ersten Stunden, nachdem wir den Schulhof verlassen haben, versuche ich noch, ihn davon zu überzeugen, zum Arzt zu gehen, gebe es aber irgendwann auf. Ich fühle mich, als würde ich mit einer Wand reden. Nicht, dass Riley sonst großartig auf mich reagiert hätte, aber ein gewisses Maß an Reaktionen hat er in letzter Zeit immerhin gezeigt. Die zurückgekehrte Ignoranz macht mich traurig.
Er streift durch die Stadt – ungeachtet der Kälte und der voranschreitenden Zeit. Irgendwann habe ich das Gefühl, jede Straße, jede Gasse, die wir passieren, an diesem Tag schon einmal gesehen zu haben. Ich weiß nicht, ob es Einbildung ist. Eigentlich war ich immer der Meinung, jeder, der krank ist, hätte kaum Kraft und würde es dementsprechend höchstens unter Zwang schaffen, sich lange auf den Beinen zu halten. Doch Riley überzeugt mich von einem Gegenteil. Seine Augen haben noch immer diesen fiebrigen Glanz und er ist blass – gesund ist er also nicht. Das vorhin war kein Anflug von morgendlicher Übelkeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihm viel besser geht als heute Morgen.
Als es ihm letztendlich doch zu kalt zu werden scheint, geht er ab und zu in eines der Geschäfte, die die Straßen säumen. Der Auslage schenkt er keinerlei Beachtung. Er geht lediglich langsamen Schrittes durch die Gänge, ignoriert die irritierten Blicke mancher Verkäuferinnen und verlässt den Laden wieder Dass ihm durch diese kurzen Abstecher tatsächlich wärmer wird, bezweifle ich.
Ihm scheint es ähnlich zu gehen, denn anstatt nach einiger Zeit wieder in einen Laden zu gehen, betritt er ein kleines Café und setzt sich an einen der Tische. Ich rutsche ihm gegenüber auf eine Bank und beobachte ihn. Er stützt die Ellenbogen auf den Tisch und legt das Kinn auf seine Hände. Er starrt mich an und dennoch habe ich das Gefühl, dass er mich nicht sieht. Als wäre ich Luft für ihn.
Es dauert nicht lange, bis ein Kellner auf ihn aufmerksam wird. Als er dienen will, Riley jedoch kein Geld bei sich hat, schickt er ihn fort. Seine Schultern hängen herab, als wir das warme Café verlassen. Riley versucht es noch zwei weitere Male, doch die enden kaum anders.
Letztendlich stehen wir wieder auf der Straße. Allmählich scheint er zu begreifen, dass es nichts bringt, ziellos durch die Stadt zu laufen. Ich versuche noch einmal, ihn davon zu überzeugen, endlich nach Hause zu gehen. Die Wohnung an sich war zwar nicht sehr warm, aber dafür wartet dort sein Bett. Er seufzt und schaut hinauf zu der großen Uhr am Rathaus. Es ist schon nach vier Uhr nachmittags.
Ich denke, nach und nach zeigen meine Worte Wirkung, denn er nimmt nun eine Straße, von der ich mir recht sicher bin, dass sie zu ihm nach Hause führt. Die Stadt leert sich langsam und der Himmel wird dunkler. Es wird Abend. Waren wir wirklich so lange in der Stadt unterwegs? Ich kann es mir kaum vorstellen.
An der Ecke zu jener Straße, in der Rileys Zuhause liegt, bleibt er plötzlich abrupt stehen, atmet tief durch, zögert noch einmal, dreht sich dann um und geht in die entgegengesetzte Richtung. Mittlerweile bin ich mir recht sicher, dass ich irgendetwas zwischen ihm und seinem Vater nicht mitbekommen habe. Für wenige Augenblicke stand in seinen Augen ein Ausdruck, den ich nicht wirklich zu deuten vermag. Irgendetwas zwischen Unsicherheit und Angst, aber so wirklich nichts von beidem.
Also laufen wir wieder durch die Stadt. Ziellos. Wie zuvor. Ich beobachte ihn, wie er mal vor, mal neben mir läuft. Wie er mal auf den Boden, mal in den Himmel starrt. Und wieder frage ich mich, wie ich ihm helfen kann. Was ich tun kann, um ihm das Leben etwas zu erleichtern. Wie ich...
Ich stutze, erinnere mich an meine eigene Vergangenheit und mit einem Mal habe ich eine Idee, was ich tun kann. Damals, als es mir so schlecht ging, wurde der Winter zu meinem Paradies. Damals erkannte ich, welch wundersame Wirkung die weißen Flocken haben können.
„Was hältst du davon, wenn wir ein wenig in den Park gehen?“, möchte ich von Riley wissen. Er antwortet nicht, aber dass er mir folgt, als ich den kürzesten Weg dorthin einschlage, reicht mir.
Der Park sieht noch genauso verwunschen aus, wie ich ihn in Erinnerung habe. Ich suche uns eine schöne Stelle zwischen zwei alten Eichen, an der die weiße Schneedecke noch gänzlich unberührt ist, und lasse mich in den Schnee fallen. Riley tut es mir gleich. So liegen wir im Schnee, um uns herum eine angenehme Stille, ab und zu das Rauschen der Bäume und unter unseren Körpern die feinen filigranen Formen der Schneekristalle. Ich sehe ihn an, folge seinem Blick hinauf in den Himmel. Es schneit wieder. Und es dämmert. Vor dem dunkler werdenden Himmel leuchten die Flocken, die sanft hinab schweben.
Ich atme tief durch. Genieße diese einmalige Atmosphäre, die ich so liebe. Sehe, wie Riley die Augen schließt.

[Adventskalender] 9. Türchen

Montag, 9. Dezember 2013 | Kommentieren
Eigentlich ist es richtig schade, dass keiner den Adventskalender kommentieren mag...



Es hat längst zum Unterricht geklingelt, doch Riley scheint das nicht zu interessieren. Er hat sich auf eine der kalten, mit Schnee bedeckten Bänke gesetzt, die Beine angezogen und die Arme darum gelegt. Er ist nicht mehr ganz so blass im Gesicht, aber dafür ist er traurig. Dem Blick aus seinen braunen Augen nach fast schon verzweifelt.
Verstehen kann ich ihn. Zwar kenne ich seine Clique kaum, doch das, was ich bisher von ihnen gesehen hat, reicht mir, um mir ein grobes Bild von ihnen zu machen. Riley gehört nicht mehr zu ihnen. Vielleicht ist er ihnen zu „uncool“, zu langweilig. Ich weiß es nicht. Aber als sie vorhin lachend gingen und Riley allein ließen, zogen sie einen Schlussstrich unter eine Freundschaft, die so nie wirklich existiert hat. Ein Stück von seiner Maske – einfach weggebrochen.
Ich setze mich neben ihn, lege ihm meine Hand auf die Schulter, spüre sein zittern. Nur vor Kälte oder doch auch vor Verzweiflung?
„Geh nach Hause, du gehörst ins Bett“, sage ich zu ihm.
Einen Moment starrt er auf den platt getretenen Schnee am Boden, dann schüttelt er den Kopf, als wolle er unliebsame Gedanken verscheuchen und bettet sein Kinn auf den Knien. Warum lehnt er es so sehr ab, heim zu gehen? Es wäre das Beste für ihn. Sich ins warme Bett legen und schlafen.
Aber er will nicht. Bleibt stur hier sitzen.
„Dann geh wenigstens zu einem Arzt“, versuche ich es erneut. Alles ist besser, als hier in der Kälte zu sitzen. Wäre er warm angezogen und gesund, wäre es vielleicht etwas anderes, aber nicht so. „Komm schon, Riley. Du kannst hier nicht sitzen bleiben.“
Er murmelt irgendetwas, das ich nicht verstehe. Ich seufze. Warum muss er so stur sein?! Es kann doch nicht so schwer sein, jetzt aufzustehen und zum Arzt zu gehen.
Ich stehe auf und stelle mich genau vor ihn. „Jetzt komm endlich. Stell dich nicht so an!“ Als er noch immer nicht reagiert, entferne ich mich demonstrativ einige Schritte von ihm. Heimlich schaue ich über die Schulter zurück. Zunächst geschieht nichts, aber dann steht er tatsächlich auf. Ich muss grinsen. Sieg für mich!
Er folgt mir. Wir verlassen den Schulhof und gehen Richtung Stadtzentrum. Da ich nicht weiß, bei welchem Arzt er sich normalerweise behandeln lässt – wenn er überhaupt so etwas wie einen Hausarzt hat – entschließe ich mich, mit ihm auf kürzestem Weg zum Krankenhaus zu gehen. Die werden schon wissen, wie sie Riley behandeln müssen. Wir könnten natürlich auch einfach zur nächst besten Apotheke gehen, aber da ich nicht genau weiß, was er hat, halte ich das für nicht sonderlich angebracht.
Eine ganze Weile laufen wir schweigend nebeneinander her und ich bekomme allmählich das Gefühl, dass er sich mit meinem Plan abgefunden hat. Als ich an einer Kreuzung nach rechts Richtung Krankenhaus abbiege, läuft Riley geradeaus, weiter Richtung Zentrum. Zunächst stutze ich, laufe ihm dann jedoch nach. Vielleicht hat er doch einen Hausarzt und will zu dem.
Meine Hoffnungen zerstreuen sich innerhalb der folgenden Stunde. Wir kommen an diversen Apotheken und Ärzten mit unterschiedlichsten Fachbereichen vorbei, doch vor keinem bleibt er stehen. Läuft nur immer weiter kreuz und quer durch die Stadt. Ziellos. Wischt sich ab und zu über die Augen.
Irgendetwas an „Wir gehen zum Arzt“ wollte er anscheinend nicht verstehen...

[Adventskalender] 8. Türchen

Sonntag, 8. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich bleibe eine ganze Weile in dem Club und als ich den Zigarettenqualm nicht mehr ertragen kann, warte ich draußen. Ich habe das Gefühl, Riley nicht allein lassen zu können. Er wirkte so verletzlich, so schwach. Hilflos. Ein verlorener Junge, den man am liebsten an die Hand nehmen möchte, um ihm einen Ausweg aus all der Misere zu zeigen.
Stunden vergehen. Ich habe es aufgegeben, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, wie jemand einen Jugendlichen mitten in der Woche nachts beschäftigen kann. Ob Riley ihn belogen hat? Ob er ihm einfach gesagt hat, er wäre älter oder gehe nicht mehr zur Schule? Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Mann ihn hier beschäftigt, obwohl er die Wahrheit kennt. Obwohl er weiß, wie jung Riley ist und dass er am nächsten Morgen wieder zur Schule muss. Aber wenn ich an den Blick dieses Mannes denke, an seine Ausstrahlung … Vielleicht ist ihm auch einfach egal, wer für ihn arbeitet. Vorstellen kann ich es mir bei ihm.
Gegen vier Uhr morgens kommt Riley aus dem Club. Er ist erschöpft, kann die Augen nur mit Mühe offen halten.
„Ich bringe dich noch nach Hause“, informiere ich ihn, weil ich nicht will, dass er irritiert ist. Mich womöglich noch für einen Stalker hält. Aber er reagiert nicht. Ist zu müde. Ich nehme es ihm nicht übel.
Auf seinem Heimweg schweigen wir. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, und er braucht all seine verbliebene Kraft, um nicht auf der Stelle einzuschlafen. Es hat wieder zu schneien begonnen. Der eiskalte Wind pfeift noch immer um die Dächer und Häuserecken. Riley zittert und läuft immer schneller. Rennt schon bald.
Als wir endlich an seinem Wohnhaus ankommen, möchte ich am liebsten voraus laufen und die Tür für ihn öffnen, aber den Schlüssel hat nur er. Ich begleite ihn nach oben. Insgeheim hoffe ich, dass sein Vater gestern nur zufällig betrunken war. Dass es nicht zum Alltag gehört. Dass ich mir ein falsches Bild von ihm gemacht habe. Doch als wir die Wohnung betreten, höre ich sofort das kehlige Schnarchen seines Vaters und der durchdringende Geruch von Alkohol – nicht nur Bier – steigt mir in die Nase. Ich weiß nicht, ob Riley das noch bemerkt. Er verzieht keine Miene, gähnt nur ausgiebig und geht schlafen. Ich setze mich neben der Tür auf den Boden. Passe auf ihn auf.
 
Nur knappe drei Stunden später klingelt bereits Riley's Wecker. Ich fahre erschrocken zusammen – habe nicht damit gerechnet, dass die Zeit so schnell vergeht, obwohl ich schon auf dem Heimweg wusste, dass ihm nicht viel Zeit zum Schlafen bleibt.
Riley regt sich träge ihm Bett, steht jedoch nicht auf. Der Wecker piept weiter. Er tastet nach ihm, findet jedoch nicht den Ausschalter und gibt wieder auf. Ich runzele die Stirn. Irgendetwas scheint mit ihm nicht zu stimmen. Ob er einfach nur noch zu müde ist? Ich stehe auf und gehe zu ihm. Er hat sich die Decke bis unters Kinn gezogen und die Augen nur halb geöffnet. Seine Wangen sind gerötet, doch gleichzeitig sieht er blass aus. Zögerlich beuge ich mich zu ihm hinunter und lege ihm meine Hand auf die Stirn. Er glüht. Fieber. Eigentlich kein Wunder, so dünn, wie er bei der Kälte angezogen war.
Ich habe mich gerade wieder zurückgezogen, als er aufspringt und nach nebenan ins Bad hastet. Ich bleibe in seinem Zimmer, höre jedoch, wie er sich geräuschvoll übergibt. Armer Kerl. Er gehört eindeutig ins Bett. Vielleicht kann ich seinen Vater sogar davon überzeugen, für seinen Sohn zur Apotheke zu gehen...
„Aber Dad...“
„Kein 'Aber' und jetzt beeil dich.“
Ich habe nicht mitbekommen, wie sein Vater ins Badezimmer gegangen ist, und noch weniger, was er zu Riley gesagt hat. Der kommt gerade in sein Zimmer – kann sich kaum auf den Beinen halten. Er zieht sich die dünne Jacke über, die er in der Nacht auf den Boden fallen gelassen hat, wirft sich seinen Rucksack über die Schulter und verlässt die Wohnung. Ich kann kaum glauben, dass er das tatsächlich macht. Er ist krank und gehört ins Bett!
Eilig laufe ich ihm nach. Als ich ihn endlich einhole, wischt er sich über die Augen, als wollte er nicht, dass ich ihn weinen sehe. Aber es ist zu spät. Ich habe seine Tränen gesehen. Und ich kann sie verstehen. Kein Vater dürfte sein Kind in die Schule schicken, wenn es ihm schlecht geht. Außerdem hatte ich das Gefühl, irgendetwas zwischen den beiden nicht bemerkt zu haben. Warum hat Riley sofort auf ihn gehört, ohne auch nur ansatzweise zu versuchen, ihn umzustimmen?
Wir erreichen den Schulhof und Riley geht sofort zu seiner Clique. Die Tränen sind wieder versiegt, seine Augen sind nur noch leicht gerötet, doch das kann man übersehen, wenn man nicht explizit darauf achtet. Blass ist er noch immer.
Wie beim letzten Mal bietet ihm einer eine Zigarette an. Riley nimmt sie. Heute lacht er nicht über ihre merkwürdigen Witze. Schmunzelt nicht einmal. Sie scheinen ihm das übel zu nehmen. Als eines der Mädchen über ihren Geschichtslehrer herzieht, verteidigt Riley ihn. Ich glaube, er mag ihn, doch er begreift ebenso schnell wie ich, dass diese Äußerung ihm in der Clique alles andere als Pluspunkte bringt.
Um rasch davon abzulenken, zieht er an der Zigarette. Keine gute Entscheidung. Dieses Mal kann er das Husten nicht unterdrücken. Ich sehe deutlich, wie er binnen eines Augenblickes noch blasser wird. Dann beugt er sich zur Seite über einige Büsche und übergibt sich. Er hätte Zuhause bleiben sollen, egal, was sein Vater darüber denkt. Er hustet, muss noch einmal würgen, Tränen stehen ihm wieder in den Augen.
Die anderen beobachten ihn zunächst ungerührt, bis einer der Jungs anfängt, sich über ihn lustig zu machen. Die anderen stimmen mit ein und entfernen sich schließlich von ihm.
Riley bleibt allein und erstmals habe ich das Gefühl, dass seine Maske allmählich fällt.

[Adventskalender] 7. Türchen

Samstag, 7. Dezember 2013 | Kommentieren
Wir sitzen lange dort. Es muss schon bald Mitternacht sein, als er aufsteht. Zunächst glaube ich, er geht jetzt nach drinnen – sich aufwärmen und schlafen – doch er nimmt die letzten Stufen der Treppe nach unten und biegt nach links ab, auf einen dunklen Weg mit einem mir unbekannten Ziel. Für einen Moment bleibe ich unschlüssig stehen, dann folge ich ihm.
Ich bleibe einige Schritte hinter ihm; habe das Gefühl, er weiß selbst nicht recht, wo er hin will. Wir lassen die schäbige Straße, in der er wohnt, zurück. Die Gegend, in der wir uns wiederfinden, ist mir unbekannt. Ich kann mich nicht daran erinnern, hier jemals gewesen zu sein. Die Häuser kann ich nicht als hübsch oder ansehnlich bezeichnen. Sie sind schlicht grau mit dunklen Schieferdächern, aber immerhin sind sie nicht kaputt. Die Fenster haben alle noch intakte Scheiben. Müll befindet sich, wo er hingehört – in den dafür vorgesehenen Tonnen.
Kleine Personengruppen und einzelne Menschen kommen uns entgegen, aber niemand nimmt Notiz von uns. Die Anonymität einer Großstadt. Jeder ist sich selbst der Nächste. Man könnte meinen, so etwas wie Zwischenmenschlichkeit sei verloren gegangen. Manchmal fürchte ich, dass es genau so ist. Zumindest hier, in dieser Stadt. Ob es an anderen Orten ähnlich ist?
Riley hat seine Arme fest um den Oberkörper geschlungen. Als wolle er die wenige Wärme, die noch in seinem Körper ist, mit aller Macht dort halten und sie daran hindern, in die Kälte der Nacht zu entschwinden. Wenn ich könnte, würde ich ihm meine Jacke geben, aber das geht nicht. Ich frage mich, warum er sich nicht wärmer angezogen hat. Keine Winterjacke trägt. Da erinnere ich daran, dass ich in der Wohnung nichts dergleichen gesehen habe. An der Garderobe hing nur eine weitere dünne Jacke – vermutlich die seines Vaters. In Riley's Zimmer habe ich auch keine warmen Sachen gesehen. Vielleicht besitzt er gar keine Kleidung für den Winter. Aber welcher Vater lässt sein Kind frieren? Als ich mich an die lallende Stimme seines Vaters erinnere, kann ich mir sogar vorstellen, dass es ihm egal ist, was Riley macht und wie er herumläuft. Ob ihm warm ist. Ist es Riley ebenso egal oder hat er einfach gelernt, damit zu leben?
Ich seufze. Immer, wenn ich das Gefühl habe, ihn allmählich verstehen zu können, ergeben sich zig neue Fragen, neue Ungereimtheiten, für die ich keine Lösung kenne. Theoretisch könnte ich daran verzweifeln aber ich möchte nicht aufgeben. Noch nicht. Ich habe eine Chance. Mir muss nur endlich etwas einfallen, was ich tun kann.
Riley biegt so plötzlich ab, dass ich erschrocken einen Augenblick verharre. Er betritt einen kleinen, unauffälligen Club, vor dem nur ein einziges Auto steht. Ein mir leider mehr als bekanntes Auto. Damit ist Riley zweimal verschwunden.
Ich folge ihm hinein und mir schlägt Zigarettenqualm und der Geruch nach altem Frittierfett und Alkohol entgegen. Riley steht an der Bar und unterhält sich kurz mit einem Mann, den ich sofort erkenne. Der Fahrer des Wagens. Der mit dem kalten Blick. Er sagt etwas, was ich nicht verstehe, woraufhin Riley nickt und hinter den Tresen geht, um Gläser zu spülen. Ob er hier regelmäßig arbeitet?
Der Barkeeper kommt kurz zu ihm, sie unterhalten sich. Ich trete näher an den Tresen heran, um sie zu verstehen.
„Ist schon okay“, antwortet Riley gerade auf eine Frage, die ich nicht verstanden habe. „Sag mal, hast du dein Geld schon bekommen?“ Er spricht leise, sodass ich ihn über die Musik der Jukebox kaum verstehen kann.
Der andere nickt. „Schon vorgestern, warum? Du nicht?“
„Nein.“ Er fährt sich mit der Hand, die gerade eben noch die Gläser gespült hat, übers Gesicht – hinterlässt eine feuchte Spur. „Verdammt, ich brauch es endlich. Unser Vermieter nervt jetzt schon seit zwei Wochen.“ Er schüttelt den Kopf und ich sehe in seinen Augen, dass nicht nur die Miete ihm Sorgen bereitet. Ich lasse die beiden allein, möchte nicht noch mehr von einem Gespräch hören, das nicht für meine Ohren bestimmt ist, auch wenn mir allein diese paar Sätze mehr über Riley und sein Leben verraten haben, als ich vielleicht wissen wollte.

[Adventskalender] 6. Türchen

Freitag, 6. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich lasse ihn fast den gesamten nächsten Tag alleine. Brauche Zeit zum Nachdenken. Allmählich begreife ich, warum Riley so ist. Warum er sich hinter einer Maske versteckt. Warum er niemanden wirklich an sich heranlässt. Warum er abends mit einem Bier auf der Treppe sitzt, obwohl es eisig kalt ist. Ich verstehe, was ihn dazu treibt. Dass er es nicht mehr aushält in der Wohnung, gemeinsam mit seinem betrunkenen Vater. Allein mit ihm.
Ich gehe durch den Park, genieße den leise rieselnden Schnee, während ich nachdenke. Von Tag zu Tag lerne ich mehr über Riley, aber es hilft mir nicht, herauszufinden, was ich tun soll. Wie ich ihm helfen kann. Er tut mir leid – niemand sollte so einsam sein wie er. Erst recht keiner in seinem Alter. Er ist noch so jung, er braucht Kontakte. Richtige Kontakt, keine Pseudo-Freunde. Ich habe das Gefühl, er musste viel zu schnell erwachsen werden und das Kind in sich begraben, das tief in ihm noch immer ums Überleben kämpft. Das im Moment zum Scheitern verurteilt ist. Ich möchte ihm helfen, ihn retten, aber mir fällt einfach nichts ein, wie ich das schaffen kann. Er ignoriert mich die meiste Zeit. Ich fürchte, es würde nicht einmal etwas bringen, auf ihn einzureden. Vielleicht würde er mir nicht einmal zuhören.
Eine Mutter, die ich um Hilfe bitten könnte, scheint er nicht mehr zu haben. In der Wohnung habe ich kein Foto gesehen, keinen einzigen Hinweis darauf, wer sie gewesen und was mit ihr geschehen sein könnte. Möglicherweise ist sie gestorben. Möglicherweise auch einfach fort gegangen. Aber warum hat sie Riley dann nicht mitgenommen? Es hätte ihm so einiges erspart. Dann müsste ich ihm jetzt wohl nicht helfen. Mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, was ich tun kann.
Ich seufze, blinzele – schaue irritiert hinauf zum Himmel. Der Mond steht schon hoch am Himmel und es dämmert bereits. Warum habe ich nicht bemerkt, wie die Zeit verging? War ich so sehr in Gedanken? Es hat aufgehört zu schneien. Dafür hat wieder ein eiskalter, schneidender Wind eingesetzt, der den Schnee aufwirbelt und kleine Schneewehen erzeugt.
Ich verlasse den Park, mache mich wieder auf den Weg zu Riley. Auch wenn ich noch immer nicht weiß, was ich tun soll, bin ich davon überzeugt, ihm beistehen zu müssen. Irgendjemand muss etwas tun.
Als ich das Haus erreiche, sitzt er bereits auf der Treppe. Dieses Mal nicht ganz allein. Betrübt muss ich dabei zusehen, wie er die Bierflasche zum Mund hebt und trinkt. Um ehrlich zu sein, hätte ich ihn dieses Mal lieber allein gesehen.
Heute zögere ich nicht, zu ihm hinüberzugehen und mich neben ihn zu setzen. Er nimmt keinerlei Notiz von mir, aber daran habe ich mich längst gewöhnt. Es macht mir nichts aus. Obwohl ich keine Ahnung habe, ob er mir überhaupt zuhört, beginne ich, mit ihm zu reden. Ich erzähle ihm, dass ich ihn verstehe. Verstehe, warum er sich versteckt. Verstehe, was für eine schwere Last er zu tragen hat. Verstehe nicht, wie er all das schaffen kann, obwohl er noch so jung ist. Ich schwöre ihm, dass ich für ihn da sein werde. Dass ich ihm helfen werde, verschweige aber, dass ich noch nicht weiß, wie.
Riley sitzt die ganze Zeit nur da und trinkt. Mittlerweile ist es gänzlich dunkel geworden. Und doch sehe ich ihm Licht der Straßenlampen ab und an ein kurzes Lächeln, das manchmal sogar seine Augen erreicht. Spätestens in diesen Momenten bin ich mir sicher, dass ich ihm nicht völlig egal bin. Dass er zumindest weiß, dass ich da bin. Für ihn. Immer.

[Adventskalender] 5. Türchen

Donnerstag, 5. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich bin dort, wie versprochen. Ich stehe auf der anderen Straßenseite und warte auf ihn. Warte, dass er endlich wieder aus dem Haus kommt, nachdem er vor einer guten Stunde nach Hause kam. Ich bin mir sicher, dass er kommen wird. Warum weiß ich nicht, schließlich sitzt er nicht jeden Abend auf der Treppe vor der Tür, aber ich glaube, heute wird er hier sein. Und ich werde auf ihn warten.
Die Straßenlampen sind längst wieder eingeschaltet und winzige Schneeflocken tanzen dem Boden entgegen. Ich beobachte sie dabei; sehe zu, wie sie schweben, von Windstößen erfasst werden, davon treiben und zurückkehren. Es ist ein ewiger Reigen mit unendlich vielen Tänzern, die einer Musik folgen, die nur die wenigsten verstehen. Heute ist es nicht wie vor einiger Zeit im Park. Der Himmel ist verhangen, kein Stern ist zu sehen. Der Wind pfeift um Häuserecken und über Dachspitzen, doch auf Eiszapfen und Schneekristallen vermag er heute kein Lied zu spielen. Es ist still, eigentlich müsste es mir gefallen, aber eine wahre Harmonie mag sich nicht einstellen. Dafür ist es der falsche Ort. Vielleicht vermag ich es auch erst wieder zu hören, wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe. Ich weiß es nicht.
Mein Blick richtet sich wieder auf die gegenüberliegende Straßenseite, als die Haustür sich öffnet und Riley nach draußen tritt. Er sieht betrübt aus, schaut hinauf in den Himmel – blinzelt, als ihm Schneeflocken in die Augen rieseln. Er scheint nicht begeistert von dem plötzlichen Schneefall, aber es hält ihn nicht davon ab, sich auf die kalten Steinstufen niederzulassen. Wieder hat er eine Flasche dabei. Ich seufzte. Er trinkt eindeutig zu viel für jemanden in seinem Alter. Selbst für die heutige Zeit.
Eine Weile beobachte ich ihn, wie er dort sitzt und trinkt. Wie so oft davor. Oft genug, um sich Sorgen zu machen.
Es macht mich traurig, ihn so einsam zu sehen. Deswegen gehe ich schließlich hinüber zu ihm und setze mich ebenfalls auf die Stufen. Es ist nicht so kalt, wie ich erwartet habe, aber vielleicht täusche ich mich auch und es erscheint mir wärmer, weil ich bereits so lange in der Kälte stehe. Am liebsten möchte ich meinen Arm um ihn legen und ihm anbieten, sich an mich zu lehnen. Ihm Trost spenden. Einfach für ihn da sein. Aber ich traue mich nicht. Ich möchte ihn nicht belästigen. Ihm stattdessen die Möglichkeit geben, von sich aus die Nähe zu suchen. Ganz untätig möchte ich jedoch auch nicht bleiben.
„Willst du nicht lieber reingehen? Es ist doch viel zu kalt, um draußen zu sitzen.“ Er schweigt und trinkt einen Schluck. Zeigt nicht einmal, ob er mich verstanden hat. Wieder vergehen die Minuten, in denen wir schweigend dem Wind lauschen, die Schneeflocken bei ihrem Tanz beobachten – und vielleicht auch einfach nur unseren Gedanken nachhängen. Schließlich fährt Riley sich mit einer Hand übers Gesicht und steht auf. Das Bier ist längst leer.
„Darf ich dich nach drinnen begleiten?“, möchte ich von ihm wissen. Er starrt einige Zeit zum Himmel hinauf, zuckt dann mit den Schultern und geht die Treppe hinauf. Ich kann mein Glück kaum fassen und laufe ihm eilig hinterher. Er hat endlich auf mich reagiert! Er ignoriert mich nicht mehr vollständig!
Hinter uns klickt die Tür ins Schloss. Wir gehen durch einen vermüllten Flur nach oben. Als Riley die Wohnungstür aufschließt, schlägt mir ein beißender Geruch entgegen und ich muss mich zwingen, ihm hinein zu folgen. Es riecht nach abgestandener Luft, viel zu viel Alkohol und Zigaretten. Und es ist kalt. Als wäre selbst bei diesen Temperaturen die Heizung nicht eingeschaltet. Ein Wunder, dass Riley noch nicht krank geworden ist...
„Riley, bis' du dass? Komm ma' her, i' muss di' ma' wass sag'n!“, lallt sein Vater aus einem der Nebenzimmer. Riley ignoriert ihn, geht in sein Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Ich kann gerade noch rechtzeitig hineinschlüpfen. Scheinbar hat er mich wieder vergessen, aber ich bin zu glücklich darüber, dass er wenigstens einmal auf mich reagiert hat, als dass ich ihm böse sein könnte.
Er wirft sich auf sein Bett, ohne auch nur seine Jacke auszuziehen, und zieht sich die Decke über den Kopf. Anscheinend will er schlafen. Ich beschließe, dass es wohl das Beste ist, ihn für heute allein zu lassen, und schleiche mich aus der Wohnung. Glücklicherweise muss die Tür hinter mir nicht ins Schloss fallen – so bemerkt mich niemand.

[Adventskalender] 4. Türchen

Mittwoch, 4. Dezember 2013 | Kommentieren
Kleines Update zum Blogaward: Entsprechend aktuellen Informationen von BdB ist das Buch bereits in Druck gegangen :D
(Glauben kann ich es trotzdem noch nicht ;) )


Am nächsten Tag folge ich ihm zur Schule. Er ist erst in den frühen Morgenstunden zurückgekommen – zu Fuß, nicht in dem Auto, das ihn fortbrachte. Den dunklen Schatten unter seinen Augen nach hat er die ganze Nacht nicht geschlafen. Dabei ist es Mittwoch, mitten in der Woche. Mitten in der Schulzeit. Nicht in den Ferien und Freistunden hat er auch keine, wie ich zunächst geglaubt habe. Er geht zur ersten Stunde in die Schule, kommt aber erst nach dem Stundenklingeln dort an. Er ist zu müde, um schnell zu laufen, das sehe ich ihm an. Auf der Treppe zur Schultür stolpert er und strauchelt; kann sich nur im letzten Moment abfangen. Er muss doch gewusst haben, dass er heute in die Schule muss. Warum war er dann die ganze Nacht fort? Ob sein Vater ihm das erlaubt hat?
An den Schulhof schließt sich eine kleine Grünfläche an, die in einen Spielplatz übergeht, der zum nahen Kindergarten gehört. Auf der Wiese stehen ein paar Bänke. Ich stapfe durch den Schnee und wische über die Sitzfläche einer Bank. Der Schnee wirbelt auf und schwebt davon. Ich sehe ihm nach, während ich mich setze, warte.
Die Wolken der vergangenen Tage haben sich verzogen. Die Sonne scheint, bringt den Schnee zum Glitzern und die Eiszapfen zum Blitzen. Ein paar Meisen hocken aufgeplustert auf einem der Fensterbretter der Schule. Warum man nicht auf die Idee gekommen ist, hier Vogelhäuser aufzuhängen, ist mir ein Rätsel, schließlich würden sie das trostlose graue Gebäude etwas lebendiger erscheinen lassen.
Hinter mir höre ich laute Kinderstimmen. Ich sehe über die Schulter, sehe die Kinder aus dem Kindergarten rennen, sich mit Schnee bewerfen und Schneemänner bauen. Die Erzieher lächeln, genau wie ich. Wie schön war das Leben, als ich in diesem Alter war. So unbeschwert, so schön, so voller Rätsel und Geheimnisse, die es zu ergründen gab. Die Welt wurde mir damals viel zu schnell bekannt. Zu eintönig. Es gab zu vieles, über das man sich ärgern konnte. Ich glaube, irgendwann habe ich verlernt, unbeschwert zu leben wie diese Kinder dort. Einfach so. Ich weiß nicht mehr, wie das passieren konnte. Heute habe ich die Leichtigkeit glücklicherweise wieder, auch wenn mir diese Rückkehr viel abverlangt hat.
Die Schulglocke klingelt – ich habe nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist. Zunächst strömen die jüngeren Schüler heraus, dann erst die Älteren, zumeist in kleinen Grüppchen, manche aber auch allein. Riley ist einer von dieser Sorte. Er trägt seinen Rucksack bloß über einer Schulter. Die dünne Jacke steht offen und ich glaube, er hat darunter nur ein T-Shirt an. Er muss schrecklich frieren...
Ich erhebe mich und folge ihm, als er sich etwas von den dicht stehenden Schülern absondert und zu einer kleinen Gruppe geht. Es sind überwiegend Jungen. Sie rauchen, einer reißt derbe Witze. Riley lächelt, als fände er sie witzig, aber ich erkenne die Lüge in seinen Augen. Einer der Jungs reicht ihm eine Zigarette und ein Feuerzeug. Er nimmt es an. Es ist Routine, wie er sie sich in den Mund steckt, sie anzündet, das Feuerzeug zurückgibt, einen tiefen Zug nimmt. Das Husten unterdrückt und den Rauch ausbläst. Es ist nur ein winziger Augenblick. Sein Adamsapfel bewegt sich, als würde er schlucken, und kurz krampfen sich die Muskeln an seinem Hals zusammen. Die anderen scheinen davon nichts bemerkt zu haben, aber mich bestärkt es in dem Wissen, dass das alles nur zu seiner Maske gehört. Und ich frage mich immer mehr, wer Riley wirklich ist. Was von all dem, was er tut, wirklich ihn zeigt und nicht diese Figur, die er entworfen hat.
Wieder bemerkt mich niemand. Nicht, als ich mich zu ihnen stelle, ihnen zuhöre und versuche herauszufinden, was Riley an diesen Leuten liegt. Nicht, als es wieder klingelt und alle hineingehen bis auf diese kleine Gruppe. Nicht, als sie dann doch hineingehen, aber erst, nachdem es bereits zum Unterricht geklingelt hat. Riley geht fast als letzter hinein und einen Moment erkenne ich einen gequälten Ausdruck in seinen Augen, der jedoch mit dem nächsten Blinzeln verschwunden ist.
Hinter ihnen fällt die Tür zu. Ich beschließe, heute Abend wieder vor seinem Haus auf ihn zu warten.

[Adventskalender] 3. Türchen

Dienstag, 3. Dezember 2013 | Kommentieren
Einige Tage vergehen, bis ich ihn wiedersehe, und doch habe ich das Gefühl, die Zeit sei beim letzten Mal stehen geblieben; als wäre kein Auto gekommen, dass ihn mitgenommen hat, und als wäre es noch immer die gleiche Nacht. Er sitzt auf der Treppe – wieder nur in der dünnen Jacke, der Jogging-Hose und den Turnschuhen. Nur das Bier fehlt. Abgesehen davon alles, wie vor ein paar Tagen.
Aber das ist falsch. Es stimmt nicht, dass sich nichts verändert hat. Es stimmt nicht, dass alles noch genauso ist wie beim letzten Mal. Er ist nicht mehr der Fremde, den ich beobachtete. Er hat einen Namen und eine Geschichte, von der ich wenigstens ein bisschen weiß.
Der Jugendliche, der ihn vorhin bis vor die Tür begleitete, hat ihn Riley genannt. Riley Stewart. Das ist zumindest der einzige Nachname, der an den Klingeln steht. Er wohnt in diesem Haus, in der dritten Etage, wo beim letzten Mal der Fernseher lief. Er und sein Vater, was aus seiner Mutter geworden ist, weiß ich nicht. Der Rest des Hauses steht leer. Von außen könnte man meinen, niemand wohne mehr hier, so verlassen sieht es aus mit den kaputten Fenstern und all dem Müll.
Vorhin ist Riley sofort ins Haus gegangen, aber als der Junge, der ihn begleitet hat, verschwunden ist, tauchte er wieder auf und setzte sich auf die Stufen. Es dämmert allmählich – im Winter wird es immer so furchtbar schnell dunkel. Das ist das einzige, was mich immer gestört hat.
Ich frage mich, was mit Riley los ist. Vielleicht würde man meinen, er möchte nicht allein in der Wohnung sein oder er hat den Schlüssel vergessen und kommt nicht rein, doch seine Schultasche hat er im Haus gelassen – vielleicht nur im Flur – und bevor er kam, ist sein Vater nach oben gegangen. Riley ist nicht allein, aber vielleicht täuscht dieser Schein auch. Vielleicht gehören der Junge von vorhin und sein Vater, mit dem er sich eine kleine Wohnung teilt, ebenfalls zu seiner Maske, die ihn als jemanden erscheinen lässt, der er nicht ist.
Ich nehme all meinen Mut zusammen und gehe langsam zu ihm hinüber. Die Straßenlaternen sind bereits angegangen, der Wind frischt auf. Er sieht mich an, als ich mich ihm nähere, aber ich habe das Gefühl, er nimmt mich gar nicht wirklich wahr. Er sagt auch nichts, als ich mich neben ihn setze – einfach nur hinsetze und schweige. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Weiß nicht einmal, warum ich überhaupt zu ihm gegangen bin, denn er scheint in seiner eigenen kleinen Welt zu sein, in der er nichts bemerkt. Ich könnte „Hallo“ sagen und „Wie geht es dir?“ fragen, aber ich möchte seine Ruhe nicht stören und überhaupt wirkt die Frage reichlich unpassend. Er hat wieder diesen traurigen Ausdruck in seinen Augen. Er wird wohl kaum ein „Hallo“ erwidern und mit „Gut“ antworten. Es sei denn, er will seine Maske aufrecht erhalten, aber die möchte ich weder sehen, noch hören. Ich möchte wissen, wer Riley ist und nicht noch mehr von der Maske kennenlernen, die sich als Riley bezeichnet.
Ich sitze da und schweige und starre auf die leere Straße, genau wie er, und bemerke kaum, wie es dunkler wird. Ob er nachdenkt? Ob er einfach nur wartet? Worauf? Ich weiß es nicht und fragen möchte ich ihn nicht. Ich bezweifle, dass er mir die Wahrheit sagen würde, wenn er überhaupt antwortet. Also lasse ich es bleiben.
Genau wie beim letzten Mal fährt irgendwann ein altes Auto vor. In den letzten Tagen stand es schon öfter hier vor dem Haus und hat gewartet, aber Riley kam nicht. Heute ist er da. 
Der Mann im Inneren sieht mich nicht an. Er hat nur Augen für Riley – kalte Augen mit einem Blick, als wüsste er nicht, was Glück bedeutet. Heute sprechen sie nicht.
Noch immer genauso schweigsam wie vorher steht Riley auf und setzt sich auf die Rückbank. Die Tür fällt ins Schloss, das Auto fährt davon. Heute bleibt keine Bierflasche zurück. Heute lässt er mich ganz allein.

[Adventskalender] 2. Türchen

Montag, 2. Dezember 2013 | Kommentieren
Er sitzt auf einer verwitterten Treppe, die hinauf zu einer noch verwitterten Holztür hinaufführt. Das Haus, zu dem sie gehört, sieht nicht besser aus. Früher muss es mal von Efeu bewachsen gewesen sein – die Ranken sind fort, aber die dunklen Punkte, an denen sich das Efeu an der Wand festgehalten hat, sind geblieben. Putz bröckelt ab, zwei von fünf Fenstern im Erdgeschoss sind eingeschlagen und notdürftig mit Pappe verschlossen. Nur ganz oben, in der dritten Etage, flackert das bläuliche Licht von einem Fernseher durch die Scheibe. Sonst ist es dunkel. Vor dem Haus und neben der Steintreppe sammelt sich Müll – Tonnen quillen über, Flaschen, volle Tüten und kaputtes Spielzeug liegen verteilt. In den wenigen Zwischenräumen trotzt hohes Unkraut dem Winter. Seltsamerweise hat der Schnee hier nichts bedeckt. Alles ist noch genau so schmutzig wie im Herbst...
Er sitzt dort, ganz allein, und hat das Gesicht auf die Hände gestützt. Das Haar fällt ihm ins Gesicht und verbirgt sein Gesicht. Eine Bierflasche steht neben ihm. Sie ist nur noch halbvoll. Eine zweite hat er vor einiger Zeit an der Seite die Treppe hinuntergestoßen. Dabei ist er noch so jung, nicht einmal achtzehn. Zu jung, um nachts allein auf einer Treppe zu sitzen und sich zu betrinken. Ich weiß, dass das heute wohl bei jedem Jugendlichen dazugehört, aber dennoch finde ich es falsch.
Es ist Wochenende, ein Samstag, und er sitzt hier, in einer verlassenen Gegend, ohne Freunde, ohne Familie. Mitten in der Woche würde ich es vielleicht noch verstehen, aber am Wochenende hat er Zeit. Er könnte in einen Club gehen oder einen Filmabend mit Freunden machen oder ins Kino gehen oder den Abend mit seiner Familie verbringen, wenn seine Freunde keine Zeit haben. Er könnte auch lernen, wenn er sehr strebsam ist, aber ich glaube nicht, dass ihm Schule wichtig ist. Ich glaube, er ist eher einer von der Sorte, der so tut, als wäre ihm alles auf der Welt egal, aber in Wahrheit ist es das gar nicht. Er versucht nur, etwas zu verstecken. Das gelingt ihm zwar, aber erfolgreich ist er deswegen trotzdem nicht, schließlich macht er sich mit so einer Einstellung viele Chancen kaputt. Aber das merkt er nicht. Natürlich nicht, sonst würde er sich anders verhalten.
Er bemerkt mich nicht, wie ich auf der anderen Straßenseite stehe, im Schatten zwischen zwei Laternen, und ihn beobachte.
Ich sehe, wie er fröstelt – die dünne Jacke, die er trägt, kann gar nicht wärmen, da bin ich mir sicher. Er hat nicht einmal einen Schal oder eine Mütze. Nur diese dünne Jacke, eine abgetragene Jogging-Hose und Turnschuhe. Mitten im Winter. Wo doch schon Schnee liegt. Am liebsten würde ich hinüber gehen zu ihm und mich neben ihn setzen. Vielleicht würden wir uns einfach nur anschweigen, vielleicht würden wir uns stumm ansehen und beschließen, dass es in Ordnung war, wie wir dort nebeneinander saßen auf der Treppe, mitten in der Nacht, wir beide allein und doch irgendwie gemeinsam. Vielleicht würden wir aber auch ins Gespräch kommen, uns unterhalten, ein wenig über den jeweils anderen herausfinden, uns kennenlernen. Vielleicht könnte ich ihn sogar trösten, denn er sieht traurig aus, wie er dort sitzt, mit gesenktem Kopf, und trinkt.
Aber es geht nicht, es würde nicht funktionieren. Deswegen bleibe ich weiterhin im Schatten der Laterne, auch wenn ich genau so gut in ihrem Licht stehen könnte. Er würde mich nicht bemerken. Er bemerkt nichts. Sitzt nur dort, friert und trinkt ab und zu einen Schluck Bier.
Irgendwann – ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist – fährt ein Auto die Straße hinauf und hält vor ihm. Ich höre ein leises Schleifgeräusch wie ein alter, automatischer Fensterheber. Danach Stimmen, die ich nicht verstehe. Als es weiterfährt, ist er verschwunden.
Ich bleibe allein zurück. Einsam, wie die fast leere Bierflasche, die auf der anderen Straßenseite auf der Treppe steht.