[Rezension] Edward Ashton: Hagerstown

Freitag, 5. Mai 2017 | Kommentieren
Quelle: HarperCollins
Rezensionsexemplar
352 Seiten | Klappenbroschur | HarperCollins | Deutsch

Original: Three Days in April
Übersetzer: Kerstin Fricke

Reihe: Einzelband

Erschienen: 10. April 2017

ISBN: 978-3-959-67082-1
Preis: 16,00 €

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Klappentext

Ein Virus löscht eine ganze Stadt aus - doch deine Regierung erzählt dir nicht die Wahrheit …

Ein Video von nur wenigen Sekunden: Entsetzlich zugerichtete Leichen liegen auf den Straßen der Kleinstadt Hagerstown. Sobald das Video im Netz war, wurde es auch wieder gelöscht. Alle Suchanfragen laufen ins Leere, alle Wege in die Stadt sind gesperrt. Einer Gesellschaft, die ganz und gar auf Sicherheit ausgelegt ist, widerfährt etwas Unerklärliches. Und die Regierung schweigt. Die Angst vor dem Ungewissen droht zu Ausschreitungen zwischen den "Unveränderten" und den gentechnisch modifizierten Eliten zu führen. Anders Jensen und seine Freunde suchen nach Antworten auf die Frage, was wirklich in Hagerstown passiert ist …

Meine Meinung

Spannend - Verwirrend - Etwas emotionslos

USA, irgendwann in der Zukunft: Der technische Fortschritt ist weiter vorangegangen. Offline geht kaum noch etwas. Die meisten Häuser sind vollständig vernetzt, inklusive Avataren, die wie persönliche Diener zahlreiche Aufgaben im Haus und in der Kommunikation mit anderen übernehmen. Gleichzeitig hat die Gesellschaft einen neuen Schnitt bekommen: nicht mehr Arm und Reich, Weiß oder Farbig sind die bestimmenden Kategorien. Mittlerweile wird in Veränderte und Unveränderte unterteilt. Die Modifizierung von Menschen - auf genetischem, biologischem oder sogar technischem Weg - schreitet immer weiter voran. Nicht ohne Probleme.
Das Massensterben von Hagerstown lässt den Konflikt zwischen beiden Gruppen neu anschwellen; erst recht, als für kurze Zeit ein Video im Netz auftaucht, auf dem Überlebende zu sehen sind, kurz bevor die Regierung genau das zu vertuschen versucht.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Anders, seinem Mitbewohner Gary und den beiden Schwestern Terry und Elise erzählt. Anders als von Ich-Perspektiven sonst gewohnt, kommen die Texte häufig mit nur sehr geringen Emotionen aus. Stellenweise wirken sie nahezu emotionslos. Ein Kunstgriff des Autors? Eine Begleiterscheinung der Modifizierungen und der wachsenden Technisierung und Digitalisierung? Möglich. Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist dass diese Emotionsarmut eine Barriere zwischen mir und dem überwiegenden Teil der Figuren entstehen ließ. Eine Identifizierung mit ihnen war mir nicht möglich. Die Geschichte tatsächlich aus ihrer Perspektive zu sehen und die Position des außenstehenden Lesers zu verlassen, ist mir nicht gelungen.
Eine kleine Ausnahme davon bildete Gary. Meine erste Eingebung zu ihm - "Was für ein Idiot, der kriegt doch nichts auf die Reihe!" - hat sich absolut nicht bestätigt. Ganz im Gegenteil. Gary war der einzige, der mich abholen und mich in die Geschichte mitnehmen konnte. Seine frechen Aussprüche haben mich eins ums andere Mal zum Schmunzeln gebracht. Im Nachhinein ist er der einzige, der mir wirklich als eigenständige Person in Erinnerung bleibt. Zwar hatten auch die anderen Charaktere definierte Persönlichkeitszüge, die sie eigentlich einzigartig machen sollten. Im Verlauf der Geschichte blieben sie mir allerdings leider zu ähnlich.
Die Handlung an sich war zunächst einmal überraschend anders als nach dem Lesen des Klappentextes erwartet. Nichts mit aggressiven Viren und und die angekündigte "aktive Spurensuche der vier Freunde" habe ich so auch nirgends im Buch gefunden. Stattdessen hatte ich ein eher der Science Fiction als dem Thriller zuzuordnendes Buch vor mir, dem zunächst einmal ein echter Einstieg in die Welt fehlte. Hochtechnisiert, stark digitalisiert, veränderte Gesellschaftsschichten - alles schön und gut, aber das Wissen darum erhielt ich nur sehr bruchstückhaft verteilt über das gesamte Buch. Ein echtes Bild vom Setting konnte damit nur sehr langsam entstehen.
Entschädigung dafür war klar die Handlung: Trotz der etwas emotionslosen Figuren blieb die Spannung beinahe durchweg hoch. Die Frage, was in Hagerstown passiert ist, und die Vertuschungsversuche der Regierung trieben mich Seite für Seite durch das Buch, ohne dass ich wirklich erahnen konnte, wie die Lösung aussehen wird. Zwar war nur Gary ernsthaft damit beschäftigt, was in Hagerstown passiert ist, - die anderen drei kreuzten die Thematik nur immer mal und blieben ansonsten häufig passiv - aber das tat der Spannung keinen Abbruch.
Im letzten Drittel hatte ich dann leider das Gefühl, dass der Autor zu viele Konfliktpunkte eröffnet hat, die er nicht alle bedienen konnte. Hagerstown, gesellschaftliche Probleme, persönliche Probleme der Figuren, Verwicklungen - all das wurde am Ende für meinen Geschmack nur unzureichend aufgeklärt. Auf der einen Seite mag das gut sein: das Buch gerät nicht so schnell in Vergessenheit. Es bleibt in Erinnerung - vor allem mit seiner Thematik und seiner relativen Nähe zu unserem Leben. Auf der anderen Seite fehlten mir allerdings einige Informationen, wie bsp. einzelne Gruppierungen miteinander zusammenhängen, um das Buch zufrieden zuklappen zu können.

Fazit: Spannende Handlung mit mitunter überraschenden oder sogar erschreckenden Anknüpfungspunkten zum Jetzt. Dennoch bleiben insbesondere die Figuren hinter den Erwartungen zurück.


Danke an HarperCollins für die Bereitstellung des Leseexemplars für die zugehörige Leserunde auf Lovelybooks.

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